Zeitung Heute : Blut, nicht nur im Schuh

CHRISTINE WAHL

Heiner Müllers "Hamletmaschine" in der Treptower ArenaVON CHRISTINE WAHLHeiner Müllers Stück heißt "Hamletmaschine".Das, was Gert Hof nun inszeniert hat, muß man sich allerdings eher als ein "Trommeln in der Nacht" vorstellen.Und das wiederum soll jetzt keineswegs als Anspielung auf einen theatertheoretischen Diskurs à la Bertolt Brecht/Heiner Müller verstanden werden.Es ist ganz buchstäblich gemeint: Mit einem Frontalangriff auf alle Zuschauer-Sinne eher als auf Zuschauer-Köpfe wollte der Regisseur Müllers Text als einen "Endzeitschrei in der letzten Kurve der Ohnmacht" zeigen.Vor allem von "Bedrohung" geht Hofs Rede, und diese Bedrohung eben ist ständig präsent in Gestalt der französischen Kult-Trommler "Les Tambours Du Bronx" - unterstützt vom Psychedelisches erzeugenden Gitarristen Caspar Brötzmann. Ralf Richter, der den Hamlet spielt, versucht verzweifelt bis zynisch - wobei er manchmal auch einfach betrunken wirkt - gegen diese infernalischen Klänge (freilich eine Metapher für Gleichklang und also Stillstand der mechanisierten Gesellschaft) anzuschreien: "Mein Platz, wenn mein Drama noch stattfinden würde, wäre auf beiden Seiten der Front ..." Die beiden Seiten der Front führen auch gleich noch zu einem zweiten Titel, den man dieser "Hamletmaschine" geben könnte: Bewegte Bilder à la Gottfried Helnwein.Der Wiener Künstler, der seit geraumer Zeit mit Hof zusammenarbeitet, hat für diese Produktion die Kostüme entworfen und eine Bühne gebaut, in der die Trommler ebenso hoffnungslos eingekerkert sind wie der Protagonist: Hamlets Wirkungsbereich ist ein von Stahlgerüsten umgebenes Gefängnis, und die Musiker wirken in diesen Stahlgerüsten wie seine Zellen-Nachbarn. Hofs "Psychogramm eines Alptraums" - angekündigt als eine jener vielzitierten Gesamtkunstwerke aus Malerei, Musik und Theater - erweist sich letztlich als theatralische Illusions-Maschine, die im Dienste eines endzeitlichen Infernos vom Blitzlichtgewitter bis zum Bühnennebel alles Erdenkliche - und Bewährte - auffährt.Nicht zu vergessen: sehr viel Blut.Gleich zu Beginn steckt Hamlet, der im Verlauf seines Monologs bekanntermaßen Platz nimmt "in meiner Scheiße, meinem Blut", seinen Kopf in einen Eimer voll ebendieser Körperflüssigkeit, überschüttet anschließend mit dem Rest seine Mutter, der er vorher den Leib zerfetzt hatte, und auch Ophelia ("Mit meinen blutenden Händen zerreiße ich die Fotografien der Männer, die ich geliebt habe und die mich gebraucht haben ...") trägt ein blutverschmiertes Kleid. Ebenso naheliegend in die Bildsprache übersetzt haben Hof und seine Mitstreiter die "Maschine".Mit einer Art Fleischerhaken an einer Kette befestigt, entschwebt Hamlet bei seinem Bekenntnis: "Ich will eine Maschine sein", starr gen Schnürboden.Nun ist es nicht so, daß dieser Inszenierung überhaupt keine eindrucksvollen Bilder gelängen; nur hatte sich bereits auf gleiche Weise - also reglos am Seil hängend - Ophelia (Claudia Denninghaus) eingeführt, und wenn sich alle gesammelten Bühnenillusionen eineinhalb Stunden lang leitmotivisch wiederholen, stumpft man einfach ab. Bleibt das Finale vorm Helnweinschen "SS-Gruppenbild mit Madonna und Kind".Ein kleines (blondes!) Mädchen deklamiert: "Hier spricht Elektra ...Ich ersticke die Welt, die ich geboren habe, zwischen meinen Schenkeln" und zieht sich dabei aus.In München, wo das Stück Premiere hatte, hätte besagte Helnweinsche "Epiphanie" der Inszenierung fast eine Einstweilige Verfügung eingebracht.Hier, beim Gastspiel in der Berliner Arena, wird lediglich der beklemmende Strip des Kindes - und zwar eher emotionslos denn empört - vom Publikum mit "Hof ist ein Wichser" und "Das ist bescheuert" kommentiert und alsdann recht schnell zur Tagesordnung übergegangen. Noch einmal heute, 28.September, um 21 Uhr in der Arena in Treptow, Eichenstraße 4.

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