Zeitung Heute : Bockiger Wessi

TOBIAS RÜTHER

Eine literarische Deutschlanddiskussion im Maxim Gorki TheaterTOBIAS RÜTHERBeinahe wäre die Veranstaltung im Maxim Gorki Theater gescheitert.Drei Schriftsteller und ein Journalist aus dem Osten der Republik sollten mit einem Dichter aus dem Westen über das Schreiben nach der Wiedervereinigung debattieren.Doch dem Westler ist die Wende einerlei: "Ich laufe so weiter wie bisher auf meinen alten Trampelpfaden", erklärt Robert Gernhardt lapidar.Eberhard Lämmert, Moderator der literarischen Deutschlanddiskussion von Ost zu West, müht sich tapfer: Sind denn nicht mit der DDR auch manche Träume westdeutscher Intellektueller untergegangen? "Damit kann ich nichts anfangen", bescheidet ihn Gernhardt störrisch und blinzelt in die Zuschauerreihen. Auch die drei Dichter aus dem Osten wollen erst nicht so recht.Kerstin Hensel trägt ihre verfremdete Version des Märchens vom Kaiser und seinen neuen Kleidern vor."Der Kaiser ist doch nackt", ruft ein unschuldiges Kind und wird dafür gemeuchelt - und nach und nach alle Untertanen.Was ihr Märchen mit der wiedervereinigten Bundesrepublik zu tun hat, möchte Kerstin Hensel nicht aussprechen."Die Wirklichkeit ist schlimmer als mein Text", behauptet sie immerhin.Ob denn das Schreiben nach 1989 schwerer geworden sei, weil der Widerstand nunmehr fehle? "Ich schreibe immer gegen Widerstände", hält Frau Hensel dagegen.Sie habe nicht eigens für die Zensur ihre Texte verschlüsselt, sondern immer codiert geschrieben. Dem stimmen alle anwesenden Dichter zu.Die feinen Unterschiede zwischen künstlerisch verhüllter Sprache und billigen Bildern führt der Ostberliner Dichter Thomas Pietraß ungewollt vor.Sein Gedicht "Randlage" von 1992 reiht eine Platitüde an die nächste: "Wende sich, wer kann!" heißt es da, denn "Ellbogen vermessen das Land", und der "Zinsfuß" marschiert hintendrein. "Man glaubte in der DDR, jedes Flugblatt sei schon Literatur", erinnert sich Christoph Dieckmann, aus Rathenow gebürtiger "Zeit"-Redakteur.Mit feinem Gehör hat er das Befinden der Bürger des "Beitrittsgebiets" belauscht und ein "Manifest der DDR-Identität" geschrieben.Der Westler unterstehe sich, dem Ostler den Trabbi wegzunehmen! Im Hard-Rock-Café fehle es an Ost-Rock-Memorabilia: Wie wäre es mit einem Ärmelfetzen vom Gitarristen der "Stern Combo Meißen"? Wo sind die Defa-Filme, die dem Osten einst als Reflexionsbühne dienten? Christoph Dieckmann meint den Spaß ganz ernst.Kerstin Hensel indes wundert jeder heitere Ton der Wenderomane von Thomas Brussig oder Thomas Rosenlöchner."Vielleicht war die Wiedervereinigung kein historisches, sondern nur ein kleines politisches Ereignis, das sich in den nächsten Jahren vertut." Hoffentlich behält sie recht. 

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