Zeitung Heute : Bomben auf Bagdad, Sirenen in Berlin

Die Friedensbewegung hat einen mächtigen Verbündeten: das Internet. Es soll den Protest vernetzen

Kurt Sagatz

Was ein echter Jeck ist, dem kann auch ein Krieg im Irak die Feierlaune nicht verderben. „Wenn man weltweit auf jede kriegerische Auseinandersetzung Rücksicht nehmen würde, dürften wir gar keinen Karneval mehr feiern“, hatte Franz Wolf, der Präsident des Bundes deutscher Karneval, den Beschluss der obersten Karnevalsbehörde begründet, anders als 1991 diesmal weder in Köln und Düsseldorf noch sonstwo auf die Umzüge zu verzichten. Ganz im Gegensatz dazu will die Friedensbewegung bei einem neuerlichen Angriff auf das Reich Saddam Husseins ihre Ablehnung eines Militäreinsatzes deutlicher zum Ausdruck bringen. Und anders als vor zwölf Jahren hat sie einen mächtigen Verbündeten: das Internet.

Der Frieden steht auf Messers Schneide. Ob ein Krieg noch in letzter Minute verhindert werden kann, weiß man derzeit genauso wenig wie den Zeitpunkt der ersten Kriegshandlungen. Allzeit bereit, lautet daher die Maxime der zahlreichen Gruppen und Organisationen, die sich in ihrem Protest gegen US-Präsident Bushs Kriegspläne über das World Wide Web vernetzt haben.

Der „europaweite Aktionstag gegen den Krieg“ findet am 15. Februar statt. Die dazugehörige Internet- Seite www.15februar.de beschränkt sich allerdings auf die Darstellung der notwendigsten Fakten. Während in der „Busbörse“ Anfahrtmöglichkeiten aus allen Teilen der Republik zu recherchieren sind, hapert es mit der „Bettenbörse“ noch gewaltig. Gerade einmal sechs Einträge versprechen eine Unterkunft, Schlafsack und Isomatte bitte selbst mitbringen!

„Nur ein breiter gesellschaftlicher Protest kann diesen Krieg verhindern“, mit dieser Hoffnung wollen die Anhänger der Friedensbewegung am 15. Februar gegen einen zweiten Golfkrieg protestieren. Möglicherweise sind bis dahin bereits die ersten Bomben auf Bagdad gefallen, und die USA befinden sich bereits im Krieg gegen Irak. Um flexibel reagieren zu können, bereiten sich die Kriegsgegner nicht nur auf die fest terminierten Demonstrationen, sondern speziell auf den so genannten „Tag X“ vor – den Tag, an dem der Krieg gegen den Irak beginnt. „Die Pläne für einen Angriff konkretisieren sich, und der Tag X rückt immer näher“, heißt es auf der zweiten zentralen Webseite www.tag-x.de . Dort werden vor allem jene Proteste organisiert, die direkt am Tag des Angriffs stattfinden sollen. In Berlin wird an diesem Tag um 11 Uhr am Alex protestiert und zur „Demo am Kotti“ um 18 Uhr aufgerufen. In Trier versammeln sich die Demonstranten zur gleichen Zeit am Pranger, in Hamburg am „Kriegsklotz“.

„Fenster auf und Boxen raus“, fordert hingegen das Berliner „Gegeninformationsbüro“. Auf ihrer Homepage hat die Initiative einen MP3-Song mit Sirenen hinterlegt und rät nun dazu, diesen „Tag X“- Jingle herunterzuladen, den Fliegeralarm auf CD zu brennen, um so am ersten Kriegstag per Stereoanlage gegen die Bombardierung des Iraks zu demonstrieren.

Während die Seiten www.15februar.de und www.tag-x.de vor allem zur Koordinierung der Demonstrationstermine dienen, haben die Globalisierungsgegner von Attac auf ihrer Seite unter www.demo1502.de weitergehende Informationen und Nachrichten gepackt. Unter anderem ist hier nachzulesen, warum John le Carré der Meinung ist, dass die Vereinigten Staaten von Amerika verrückt geworden sind. Von der Attac-Seite aus werden die Kriegsgegner zudem per Mailingliste über den Stand der Demonstrationsvorbereitungen informiert.

Im Mittelpunkt der Berichterstattung der deutschsprachigen Indymedia-Seiten stehen derzeit hingegen das Weltwirtschaftsforum in Davos sowie das Weltsozialforum in Porto Alegre. Während die auf unabhängige Berichterstattung ausgerichtete Nachrichtenseite sonst bei Demonstrationen gegen Castor-Transporte ihre Informationen im Stundentakt aktualisiert, wird dem Konflikt zwischen den USA und Saddam Hussein eine erheblich geringere Bedeutung beigemessen. Die letzte Aktualisierung zu diesem Themenkomplex liegt bereits über eine Woche zurück.

Überhaupt hinterlassen die meisten Internet-Seiten, die sich dem Protest gegen den Irak-Krieg verschrieben haben, den Eindruck, dass selbst unter den Kriegsgegnern kaum jemand an den Erhalt des Friedens glaubt. „Der Krieg gegen den Irak scheint leider unausweichlich“, lautet dazu der Kommentar auf der Demoseite www.tag-x.de

Der Protest im Internet:

www.15februar.de

www.achse-des-friedens.de

www.no-nato.de

www.attac.de

www.gegeninformationsbuero.de

de.indymedia.org

www.kreuzberg-gegen-krieg.de

www.friedenskooperative.de

www.tag-x.de

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