Zeitung Heute : Bomben gebastelt, im Untergrund gelebt

Adrienne G. gehörte zur Terrorgruppe „Rote Zora“ – zwanzig Jahre später steht sie in Berlin vor Gericht

Verena Mayer

Die Frau, die als linke Terroristin vor Gericht steht, redet nicht viel. Sie hat 1986 und 1987 mitgeholfen, Sprengsätze zu bauen. Seither hat sie im Untergrund gelebt, 19 Jahre lang. Adrienne G. sitzt regungslos auf der Anklagebank, den Blick auf den Laptop ihrer Verteidigerin geheftet. „Dürfen wir Gründe erfahren?“, fragt der Richter manchmal. „Eigentlich nicht“, antwortet Adrienne G.

Adrienne G., 58 Jahre alt, unterscheidet nichts von anderen Frauen ihres Alters. Sie ist eine schmallippige Person mit dunklem Haar. Sie trägt schwarze Hose, schwarzen Blazer, zum Lesen braucht sie eine Brille. Unter anderen Umständen stünde sie vielleicht kurz vor der Rente. Doch sie hat die Wecker für die Zeitzünder von zwei Bomben gekauft. Eine wurde auf dem Fenstersims des Gentechnischen Instituts in Berlin deponiert, die andere in der Bekleidungsfirma „Adler“ bei Aschaffenburg. Adrienne G. tat das, weil sie gegen Gentechnologie war und gegen die Bedingungen, unter denen „Adler“ in Südkorea produzieren ließ. „Ich habe das damals für richtig gehalten“, heißt es in dem knappen Geständnis, das Adrienne G. ihre Verteidigerin verlesen lässt.

Vor dem Kammergericht geht es zurück ins Berlin der achtziger Jahre, in eine Zeit, als die Welt noch in zwei Blöcke zerfiel. Und es „das System“ gab, das bekämpft werden musste. In Berlin taten sich dabei die „Revolutionären Zellen“ hervor, später auch eine feministische Untergruppe, die sich „Rote Zora“ nannte, nach dem Kinderbuchklassiker „Die rote Zora und ihre Bande“. Bis 1995 sollen die Frauen mehr als vierzig Brand- und Sprengstoffanschläge begangen haben.

Adrienne G. war eine Rote Zora, aber von ihr wird man heute keine linken Parolen mehr hören. Wenn sie einmal redet, dann tastend, als seien ihr im Lauf der Jahre die Worte abhanden gekommen wie eine Fremdsprache, die man lange nicht benutzt hat. Als derzeitigen Beruf gibt sie Fotografin an, studiert hat die Tochter eines Architekten und einer Hausfrau Lehramt. Bis 1976 hat sie in Neukölln als Lehrerin gearbeitet, dann war sie eine Zeit lang Museumspädagogin und hat in einer Druckerei ausgeholfen. Sie engagierte sich in der Frauenbewegung, 1982 dann der Bruch in der Biografie: Adrienne G. ließ sich auf Kosten des Arbeitsamts zur Funkelektronikerin umschulen. Vier Jahre später legte die „Rote Zora“ die beiden Bomben, danach verlor sich Adrienne G.s Spur. Im Dezember vergangenen Jahres tauchte sie in Karlsruhe auf und stellte sich den Behörden. Warum, sagt sie nicht.

„Das ist doch ein erstaunlicher Weg“, wirft der Richter ein. Adrienne G. zuckt mit den Schultern, man weiß nicht, ob aus taktischen Gründen oder weil sie mit ihrer Vergangenheit nichts mehr zu tun haben möchte. Auch wie sie in der Illegalität gelebt hat, will sie nur andeuten. Wohnung, Gelegenheitsjobs, mit falschen Papieren auch in den Urlaub gefahren. Ein Jahr lang hat sie sich dann mit dem Gedanken getragen, sich zu stellen, ihr Lebensgefährte, der einer der führenden Köpfe der „Revolutionären Zellen“ gewesen sein soll, kam mit. Sie lebt von Hartz IV.

Ihr Fall füllt Dutzende Aktenbände, die fein säuberlich hinter dem Richtertisch aufgereiht sind. Gebraucht werden sie nicht. Es gäbe einiges zu sagen über die „Rote Zora“, deren Mitglieder als „Feierabend-Terroristen“ bezeichnet wurden, weil sie zumeist sehr bürgerliche Existenzen hatten. Aber es hat Absprachen zwischen Bundesanwaltschaft und Verteidigung gegeben: Wenn Adrienne G. die Vorwürfe einräumt, wird sie mit einer Bewährungsstrafe davonkommen. Zeugen werden keine vernommen, der Richter verliest lediglich ein paar Akten, Polizeiprotokolle und die Selbstbezichtigungsschreiben der „Roten Zora“. Schlagworte wie „Anti-Imperialismus“ und „kapitalistisch-patriarchales System“ fallen. Relikte aus einer versunkenen Zeit.

Am Tag, an dem der Prozess gegen die Terroristin G. begann, starben in Algerien bei einem Selbstmordanschlag 24 Menschen. Am zweiten Verhandlungstag erschütterte eine Bombe das irakische Parlament. Dagegen mutet die „Rote Zora“ fast dilettantisch an. Die Bomben waren zusammengebastelt aus Pappe, Toilettenpapier und Fruchtsaftpackungen von Aldi – sie explodierten nicht. Die Wecker, die Adrienne G. besorgte, stammten aus einer so kleinen Serie, dass das BKA Adrienne G. leicht als Käuferin identifizieren konnte. Und die Sprüche, die die „Rote Zora“ verbreitete: „Das Leben ist eine Frau, mal traurig, mal heiter/ sie nimmt sich eine Waffe und macht weiter.“

„Wie stellen Sie sich Ihre Zukunft vor?“, fragt der Richter, bevor er die Beweisaufnahme beendet. Weiter als Fotografin arbeiten, sagt Adrienne G. auf ihre verbohrte Art, bei einer Agentur, „mit dem Schwerpunkt Frauen“. Von den Zuschauerbänken aufmunterndes Lächeln, ein Trupp von Freunden oder Bekannten ist im Saal. In die Jahre gekommene Gesichter, viel angegrautes Haar.

Adrienne G. blickt kurz auf, sonst folgt sie dem Prozess mit gleichgültiger Miene. Man hat den Eindruck, dass sie aus der Öffentlichkeit so schnell wieder verschwinden will, wie sie im Dezember aufgetaucht ist. „Wird Wert darauf gelegt, ein weiteres Bekennerschreiben zu verlesen?“, fragt der Richter. G. winkt mit einer wegwerfenden Handbewegung ab. Für heute wird das Urteil erwartet.

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