Zeitung Heute : Bora und die Putschisten

MARTIN HÄGELE

NANTES .Von der Ersatzbank des Stadions von Nantes bis zu den Kabinen sind es höchstens 20 Meter.Als Bora Milutinovics beige-gelbes Jacket darin verschwunden war, hatte der Schiedsrichter noch keine fünf Sekunden abgepfiffen und damit die grün-weiße Fete in der Arena eröffnet.35 000 Menschen klatschten im Takt "Nigeria, Nigeria", international bekannte Stars wie Taribo West von Inter Mailand, Viktor Ikpeba (AS Monacco) oder der Ajax-Riese Sunday Oliseh tollten wie Kinder oder trugen einander huckepack herum vor dem Fan-Block mit den Trommeln aus der Heimat.

Auch der Spanier Andoni Zubizaretta hat am erfolgreichen WM-Auftakt des Olympiasiegers mitgewerkelt.Zwar ist der Ausgleichstreifer zum 2:2 in der 73.Minute dem kurz zuvor eingewechselten Garba Lawal angeschrieben worden.Doch der sonst bei Roda Kerkrade beschäftigte Mittelfeld- spieler hatte Spaniens Senior im Tor mit einem solch harmlosen Schüßchen, das als Flanke gedacht war, bezwungen, daß man erst ein zweites Mal hingucken mußte, um sicher zu sein, daß die Kugel tatsächlich im Netz lag.Solche Treffer fallen auf höherer Fußball-Ebene nur einmal im Jahr.

In Nigeria aber dankt man auf einmal dem großen weißen "Master", den die Wortführer der Mannschaft am liebsten noch am Vorabend des Auftaktspiels zum Teufel gejagt hätten.Erst die allerhöchste Order und das "no" von General Abubakar am Telefon hatten einen Putsch gegen Trainer Bora Milutinovic verhindert.Der Lehrer mit den viel zu großen Brillengläsern hat bei seinem ersten Turnierspiel mit Nigeria ein Meisterstück an Taktik und Psychologie geboten.Es gehört sehr viel Mut dazu, einen stolzen Afrikaner, der bis zur 70.Minute als Antreiber, Torschütze zum 1:1 und zentraler Mittelfeldspieler Nigerias bester Mann auf dem Platz gewesen war, zur Absicherung des Schlußspurts zum rechten Verteidiger zu degradieren.Die Gefahr, daß Mutiu Adepoju und Augustine Okocha explodiert wären, als sie der Coach wie Schulbuben an den Spielfeldrand rief, hat jedenfalls bestanden.

Gerade die Stars hatten den Trainer "boring Bora" (langweiliger Bora) getauft wegen dessen defensiver Taktik und gelästert, man brauche keinen Basketball-Trainer aus Amerika, der ihnen vor der Ersatzbank ihre Aufgaben aufmale.Weil im Fußball aber immer die Sieger recht haben, sind nun auch die Häuptlinge der Opposition übergelaufen ins Lager des großen weißen "Master".

Okocha fühlte sich als Führungsperson angesprochen und mit einbezogen in die Entscheidungen des Trainers, wenn ihn der zu sich gewunken hat.Zwar fällt die Begründung der Niederlagenserie (0:4 gegen Grasshopper Zürich Reserve, 0:3 gegen Jugoslawien, 1:5 gegen Holland), welche die Diskussion um Milutinovic überhaupt ausgelöst hatte, schon etwas erzwungen aus.Man habe, so Okocha, damit auch den gewaltigen Druck aus der Heimat dämpfen wollen."Wir haben schon mit Absicht verloren.Leider sind dabei ein paar Tore zuviel gefallen."

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