Zeitung Heute : Bordrestaurant

Pastetchen und gefüllte Eier

Elisabeth Binder

Bordrestaurant, Wörther Str. 25, Prenzlauer Berg, Telefon 44 04 14 62, geöffnet täglich außer montags ab 12 Uhr

Die Idee ist eigentlich richtig gut: Retrofood ist schließlich nur ein stromlinienförmig hipper Ausdruck für ein altes Erfolgsrezept dicker Wirte, das da heißt „Futtern wie bei Muttern.“ Nostalgiegerichte, die mit Nestwärme angerührt sind, locken mit ziemlicher Sicherheit Schauspieler und andere Prominente mit Jobs, die viel räumliche Flexibilität verlangen.

Warum sind wir dann an einem Freitagabend, an dem es in den Lokalen rings um den Kollwitzplatz brummt wie verrückt, die einzigen Gäste im neuen Bordrestaurant? Vielleicht weil eine gute Idee allein nicht ausreicht. Die Einrichtung vor der Tür ist okay: Gartenbänke mit dicken Kissen, Windlichtern und Decken gegen aufkommende Kühle. Innen wirkt es indes etwas ungemütlich. Weiße Würfelschränke, ein Radiomonstrum aus den 50er Jahren, eine Maggiflasche auf dem Tisch, altmodische Aschenbecher und dazu dunkelbraunes Kneipenmobiliar. Das sieht eher so aus, als wolle man hier gut vergrabene Kindheitstraumata wachrütteln. Vielleicht fehlen einfach ein paar bunte Sitzsäcke auf dem Boden und alte Schallplattencover an den Wänden als Appetithappen für das verspielte Publikum aus der Nachbarschaft. Als Amuse Gueule gibt es Käseigel, Spießchen mit Käsewürfeln, Mandarine und blauer Traube, dazu einen ganz ordentlichen Winzersekt.

Dass die Karte eine Abteilung mit „Häppchen“ hat, fanden wir ganz sympathisch. Vor allem, dass sie hier nicht „deutsche Tapas“ genannt werden. Es ist aber sicher ein Fehler, dass man die Chance verpasst mit Klassikern wie „Toast Hawaii“ inklusive einer möglichst kandierten Cocktailkirsche, Kaltem (kalorientriefenden) Hund oder wenigstens Nudelauflauf ein paar Kultklassiker der Mama- und Oma-Küche aufzuwärmen. Und dann enthalten die Schinkenröllchen auch noch gekünstelte Minispargelstangen, die nie einen Tropfen Remoulade gesehen haben (2,50 Euro). Das ist nicht wirklich authentisch. Die gefüllten Eier waren okay, sehr hübsch gespritzte Füllung, die mit Erbsen gefüllten Tomaten waren ebenfalls ordentlich, das Matjestatar auf rundem Pumpernickel ging auch durch (jeweils 2 Euro).

Marinierter Thunfisch geht in diesem Umfeld leider gar nicht, viel zu modern. Das gleiche gilt für eine ansonsten ordentliche „Jakobsmuschel mit Hummerkrem auf Artischockenboden“. Konsequenz ist die Mutter des Erfolges.

Dazu würde gehören, das große Pastetchen wenigstens „Königinpastetchen“ zu nennen. Die Füllung mit Kalb- und Hähnchenfleisch ist ganz in Ordnung, obwohl die Blicke zwischendurch mal Richtung Maggiflasche wanderten. Hätte irgendwo ein Gläschen mit Kapern rumgestanden, wären wir wahrscheinlich schwach geworden. Außerdem gibt es Pastetchen mit fluffigeren Deckeln (6, 50 Euro). Zu den Spezialitäten des Hauses gehört der „Hahn im Korb“. Das ist ein kross gebratenes Stubenküken, das in einem Körbchen auf einer mehrlagigen Papierserviette klebt, so dass bei jedem Bissen, den man nimmt, ein Fetzchen Papier mitkommt.

Zugegeben, die Ahnen haben manchmal dumme Fehler gemacht, aber es ist nicht die Aufgabe von „Retro“, die alle zu wiederholen, sondern - zumindest nach meinem genusssüchtigen Geschmack – das Beste herauszufiltern. Der hauchdünne Apfelpfannkuchen mit Rosinen schafft das fast, denn um wirklich echt und einschüchternd zu wirken, hätte er deutlich dicker sein müssen (2,70 Euro).

Die Weinkarte ist originell, was wohl darauf zurückzuführen ist, dass die sehr engagiert wirkende und auch redselige Chefin („Susi“) einige Winzer persönlich kennt. Der Dornfelder von der Mosel, ein trockener Maringer Honigberg, schien uns stilistisch am besten zum Essen zu passen (15,40 Euro), obwohl es natürlich auch Bluna und Afri Cola gibt.

Die Gestaltung der Speisekarte und die Kostümierung der Chefin legen nahe, dass man sich wie an Bord eines Flugzeugs oder auf einer Zeitreise fühlen soll. Das tut man nicht. Dazu müssten sie, vielleicht aus einer alten Pan-Am-Maschine geborgt, mal ein paar originale Sitzreihen hier aufstellen. Würde es enger, aber sicher auch gemütlicher machen. Und ganz gewiss lustiger!

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar