Zeitung Heute : Borneo: Ein Stück vom Herz der Feinde

Armin Wertz

Schon ohne den gewaltigen Federschmuck, der sein Haupt ziert, wirkt Etang mit seinem riesigen Brustkasten und dem umfangreichen Bauch imposant. Doch nun, mit dem roten Stirnband, das er wie alle Dayak auf dem Kriegspfad um den Kopf gewickelt hat, mit den blitzenden Augen, aus denen Zorn und Hass sprühen, mit dem langen Speer und dem Mandau, einer schwertähnlichen Machete, wirkt er Furchterregend. Triumphierend schaut er den hellen Flammen zu, die aus dem Haus lodern. Seine Männer haben es gerade angezündet, das Haus eines Siedlers.

"Mit den Maduresen gibt es nur Probleme", schimpft er, und die andern, die sich um ihn geschart haben, nicken beifällig. Alle tragen altertümliche Waffen, Krummdolche, Lanzen, Bogen, Blasrohre. Vier von sieben Konservenbüchsen trifft einer aus 20 Metern Distanz mit einer alten Miniarmbrust. Über automatische Schusswaffen verfügen sie nicht, ein paar klobige, im Eigenbau hergestellte Gewehre sind das Modernste, das sie vorzeigen können.

"Immer Ärger mit den Maduresen", wiederholt Etang. "Sie stehlen unsere Hühner, vergewaltigen unsere Frauen, missachten unsere Traditionen." Erst vor wenigen Wochen hätten sie im Gebiet von Batutinggi, ungefähr 150 Kilometer nördlich von Sampit, drei Tage lang Maduresen bekämpft. Die Kunde davon war nie über die lokalen Grenzen hinausgedrungen. Und schon im Dezember hatten mehrtägige Auseinandersetzungen zwischen Dayak und Maduresen mindestens fünf Tote gefordert.

"Jetzt aber haben wir genug, jetzt müssen sie gehen, alle", droht Etang: "Jeder Madurese, der hier bleibt, wird getötet." Sie entkämen ihm nicht. Er könne sie riechen, behauptet er. Seine Leute hätten schon "1000 Maduresen erschlagen", prahlt er, was so viel heißt wie: viele.

"Fünf von ihnen haben die Krieger sofort die Köpfe abgeschlagen", unterbricht Anto, der gebrochen Englisch spricht. Anschließend hätten sie den Sieg gefeiert und die Herzen der Feinde gegessen. "Nur die großen Krieger dürfen Menschenfleisch essen", erklärt er. Die abgetrennten Köpfe hätten sie dann mit in ihre Dörfer genommen. Er habe "ein Stück vom Herz eines Feindes gegessen", sagt ein anderer mit wohligem Schaudern. "Es gab mir Stärke, und ich nahm seinen Geist auf."

Vergiftete Wälder

Vor diesen Dayak auf dem Kriegspfad fürchteten sogar sie sich, erzählt Lesy später, eine junge Dayakfrau vom Stamm der Ot Danum, die, wann immer sie Zeit dazu hat, in einer kleinen christlichen Broschüre liest. Die meisten der Banden, die in der letzten Woche in der Kleinstadt Sampit ein Blutbad anrichteten und inzwischen sogar in der Hauptstadt Palanggkaraya Straßenbarrikaden errichten, um Autos nach versteckten Maduresen zu durchsuchen, die 24 000 Flüchtlinge in ihren notdürftig errichteten Massenunterkünften belagern und Häuser, Läden oder Büros von Maduresen anzünden, seien von den Ngaju. Die Ngaju seien zwar auch Christen, "aber immer, wenn sie auf den Kriegspfad gehen, sind sie wieder Dayak."

Die Siedler zerstörten und vergifteten ihre Wälder, lautet ein weiterer Vorwurf von Etang gegen die Fremdlinge. Tatsächlich musste der einst dichte Dschungel zwischen Banjarmasin, der Hauptstadt Südkalimantans, und Palanggkaraya, der Hauptstadt Zentralkalimantans, ein Gebiet, das vom Bodensee bis zum Neckar reichte, längst profitreicheren Palmöl- und Kokosplantagen oder sinnlosen Reisanbaugebieten weichen - Reis gedeiht nicht auf dem kargen Boden. Und das Land hinter Palanggkaraya ähnelt weit mehr den Schlachtfeldern von Verdun als einem Regenwald: schwarz verkohlte Baumstümpfe, verdorrtes Astwerk, verschlammte Lastenwagenpisten.

Wieder einmal rächt sich die indonesische Regierungspolitik, die seit den fünfziger Jahren in Umsiedlungsprogrammen Zehntausende aus Java und der Ostjava vorgelagerten Insel Madura in die umliegenden Regionen des Archipels schickte. In einer Mischung aus Ignoranz und Arroganz siedelte sie Menschen völlig anderer Kulturen in fremden Gebieten an. Das geschah einerseits, um das übervölkerte Java zu entlasten und andererseits, um den Rest Indonesiens in kolonialistischer Manier zu javanisieren. Kaum angekommen, luden die Siedler Freunde und Angehörige ein nachzukommen. Aus Zehntausenden wurden Hunderttausende, die zu ernähren die Böden Borneos nicht ausreichten. So drangen sie immer weiter in die Lebensräume der Dayak vor, die sich - von Jakarta weitgehend ignoriert - zunehmend in ihrer Existenz gefährdet sahen.

Ausbrüche von Gewalt gibt es deshalb immer wieder. So etwa 1997, als in Westkalimantan 1000 Menschen starben, oder zwei Jahre später, als es 3000 Todesopfer gab. Und jedes Mal schauen Regierung und Sicherheitsbehörden rat- und tatenlos zu. Zwar hat Indonesiens Sicherheitsminister Susilo Bambang Yudhoyono versprochen: "Wir werden alles unternehmen, um dem Morden Einhalt zu gebieten." Sogar Elitetruppen schickte er jetzt in die Krisenregion. Doch während Dutzende Dayak mit dem Ruf "Krieg! Krieg!" durch Palanggkarayas Straßen zogen und ein Haus anzündeten, spielten die Polizisten vor der nahe gelegenen Polizeistation gelassen Schach.

"Meine beiden Kinder sind tot. Sie haben ihnen die Köpfe abgeschnitten", schluchzt Suriya Fauzi, die mit 5000 weiteren Flüchtlingen am Fluss darauf wartet, von der Marine evakuiert zu werden. "Die Polizei und die Armee unternahmen nichts. Sie ließen sie einfach gewähren." Tatsächlich sind kaum Patrouillen zu sehen. Die Armee scheint nicht bereit, sich in den Konflikt hineinziehen zu lassen. Sie sieht ihre vorrangige Aufgabe darin, die aufgebrachten Dayak von den Flüchtlingslagern um Sampit und Palanggkaraya fernzuhalten und wenigstens eine rudimentäre Versorgung der Flüchtlinge zu gewährleisten. Hunderte jedoch halten sich noch in den Wäldern versteckt und versuchen, die Lastwagen zu erreichen, die beinahe ununterbrochen voll mit Flüchtlingen ins relativ sichere, 300 Kilometer entfernte Banjarmasin rollen.

Niemand kennt die genaue Zahl der Opfer. Im Krankenhaus von Palanggkaraya breitet sich der süßliche Gestank von Verwesung aus: Über 100 Leichname warten dort auf ihre Beerdigung. Gleichzeitig wurden 118 weitere Tote in der Umgebung Sampits gefunden. Inzwischen fürchten die Behörden, dass die Zahl der Toten in die Tausende gehen könnte.

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