Zeitung Heute : Botanik auf der Tapete

Haus am Waldsee: Australien Wie Gulliver in Lilliput fühlt man sich vor der konstruktivistischen Schatzkammer, die Eugene Carchesio auf einer Wand ausgebreitet hat.Über 100 verschiedene Verschachtelungen von trichterförmigen und quaderartigen Volumen führt er in "From the Peoples Republic of Spiritual Revolution" vor.Die offene Seite des Trichters verlängert potentiell alle Linien ins Unendliche; die umgedrehte Form sorgt für Verdichtung. So führt Carchesio seit über zehn Jahren sein zu immer größerer Dichte verdampfendes "Museum of Contemporary Silence" mit sich.Andere Abteilungen bergen zarte Aquarelle von Wolken, Engeln und Totenschädeln, die bandartigen Schlaufen in Muster des unendlichen Rapports bannen.Daneben finden sich postkartengroße Zeichnungen von Känguruhs und Affen, optisch täuschende Ornamente und mathematische Skizzen.Das Patchwork erinnert an das Tagebuch eines Forschungsreisenden.Als eigenwillige Systematikerin erweist sich auch Gail Hastings, die in ihrer "Encyclopedia of Timeless Art" Konzeptkunst und Minimalismus untersucht.Sie schreibt Gebrauchsanweisungen zu meditativen Übungen, die mit einem Baukastensystem aus Würfeln ausgeführt werden können.Augenzwinkernd drückt sie dem Minimalismus den Stempel "therapeutisch wertvoll" auf und münzt ihn zugleich in eine spielerische Variante um. Es war das lässige Selbstverständnis der jüngeren Künstler und jede Abwesenheit von Pathos, die der Kuratorin Anne Marie Freybourg in Australien wohltuend auffielen.Von der Suche nach einer eigenen Identität ist der einst kolonisierte Kontinent kaum weniger betroffen, als das seiner östlichen Hälfte gewahr werdende Europa.Doch die acht Künstler, für die sich Freybourg entschied, versuchen weder den Mangel an eigener Geschichtsschreibung durch Mythen zu füllen, noch leiden sie am Trauma der Zuspätgekommenen.Daß die Australier Entdeckungsreisenden aus Europa mit Vorsicht begegnen, hat seinen historischen Grund.Peter Cripps verweist auf die Tradition der Fehlbenennungen: Auf eine Tapete, die botanische Zeichnungen reproduziert, schreibt er Pflanzennamen und ihre Benenner, die sich damit den Reichtum der australischen Erde erschlossen, auch wenn die sachliche Zuordnung falsch war.Der fremde Blick nahm nur auf, was er als nützlich erkannte. So kehrt der einst kolonialisierte Kontinent den Spieß nun um und ordnet die Fundstücke europäischer und amerikanischer Kultur nun nach seinen Kategorien.Aus der Erfahrung der Bedeutungsverschiebung, der falsch überstülpten Sprache, in der Dinge und Zeichen sich schon immer mißtrauisch gegenüberstanden, wird eine besondere Wachheit.Als transparent, unabgeschlossen und fortsetzbar zeichnen sich die Versuchsreihen der acht Australier aus.Außerdem zeigen sich die Künstler verliebt in ihre Produktivität und nicht zuletzt diese Leidenschaft nimmt für sie ein: Unentwegt faltet Carchesio seine kleinen Papiertrichter.Domenico de Clario gestaltet jede U-Bahnfahrt und jeden Umzug als eine Performance, mit der er die mythischen Wanderungen der Aborigines in die Mobilität der Neuzeit übersetzt.John Nixon vervielfältigt sich selbst in jedem Projekt, da er seine abstrakten Bilder von den fiktiven Teilnehmern eines Workshops malen läßt.Kein Ende ist von Gail Hastings "Encyclopedia of Timeless Art" abzusehen.All diese rauschhaften Aktivitäten lassen ein Bild von Australien entstehen, dessen künstlerische Topographie noch lange nicht zu vermessen ist.Haus am Waldsee, Argentinische Allee 30, bis 3.August.Katalog 42 DM.

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