Zeitung Heute : Botschafter der verbotenen Dichtung

ELFI KREIS

Arbeiten aus Wolf Kahlens Pekinger Ausstellung in der Ruine der KünsteVON ELFI KREIS Wolf Kahlens Stimme begleitet den Besucher durch seine Ruine der Künste.Der Singsang chinesischer Worte in endloser Wiederholung tönt bis in den hintersten Winkel.Ausgangspunkt sind neun goldglänzende, über Lautsprecher miteinander verkabelte Messing-Schriftzeichen.Kahlen spricht, doch beherrscht er die chinesische Sprache nicht.Mal falsch, mal richtig betont, erhalten die Worte wechselnde Bedeutungen. Die Klanginstallation "Vokabeln üben" ist eines von 14 Werken über Vergänglichkeit für das Kunstmuseum Peking, nun in Berlin zu sehen.Auf Einladung des Goethe-Instituts zeigte der Berliner Konzeptkünstler, Pionier der Videoskulptur, Tibetforscher und Hochschulprofessor im Oktober letzten Jahres seine Einzelausstellung "Nichts als Staub" im Bejing Art Museum."Vokabeln üben" ist Teil eines Zyklus von Installationen und Performances, der sich auf die Elemente Erde, Wasser, Feuer, Luft und (bei Kahlen) zudem Geist bezieht. Neun chinesische Schriftzeichen brachte Kahlen dazu mit nach Peking.Doch ging es bei der Aktion um mehr, als die sprichwörtlichen Eulen nach Athen zu tragen.Die Begriffe stammen von dem chinesischen Exilschriftsteller Duo Duo, der sein Land 1989 verlassen mußte.Kahlens Konzept bestand darin, seine in China verbotenen Worte stellvertretend für ihn zurückzubringen.Die Bedeutung der spontan notierten Schriftzeichen kannte Kahlen nicht.In einem symbolischen Akt verwandte er sie als Ausgangsmaterial für eigene, vor Ort realisierte Werke.So projizierte er sie als stigmatische Lichtzeichen Besuchern der Pekinger Ausstellung auf die Stirn.Brenneisen ließ er daraus fertigen, die er glühend in einen Fluß tauchte.Mit ihnen brandmarkte er auch verzierte Fladenbrote der Uigure, eines Turkmenenvolks aus Nordtibet - bei einer Bevölkerungszahl von acht Millionen eine ethnische Minderheit in China.Videoarbeiten und unfixierte, sich stetig verändernde Fotografien komplettieren die Schau. Prozeßhaft und von flüchtiger Dauer sind Kahlens Werke im Umgang mit vergänglicher Materie wie Klang, Licht oder Staub.Ihm geht es immer um einen, für ihn zentralen Begriff: Zeit, Lebenszeit.Das Beijing Art Museum bot dazu ideale Bedingungen.Es befindet sich im historischen Wanzhou-Tempel, dem Tempel des langen Lebens.Kahlen schrieb vor dem Eingangstor Duo-Duos Zeichen in Staub auf seiner Hand und blies sie in den Wind.Auch ohne Kenntnis von ihrem verborgenen, subversiven Ansatz wurde über die Pekinger Ausstellung ein Verbot verhängt - erst kurz vor Eröffnung wurde es aufgehoben.Doch konnte das den Zeitkunst-Forscher und China-Kenner nicht aus der Ruhe bringen.Trotz Zensur waren seine fächerartigen Faltkataloge in Hosentaschenformat fertig.Die fliegenden Blätter hatte Kahlen längst im Fluggepäck eingeschmuggelt. Ruine der Künste, Hittorfstr.5, bis 24.August; Sonnabend und Sonntag 14-18 Uhr.Jeden Sonntag, 17 Uhr: Dokumentarfilme von Wolf Kahlen.

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