Botschafter Takahiro Shinyo : "Preußen war uns ein Modell"

Botschafter Takahiro Shinyo spricht mit dem Tagesspiegel über Geschichte und Wandel in den deutsch-japanischen Beziehungen.

Foto: Botschaft von Japan
Foto: Botschaft von Japan

Herr Botschafter Shinyo, genau vor 150 Jahren haben Japan und Preußen einen „ungleichen“ Freundschafts-, Handels- und Schifffahrtsvertrag im damaligen Edo unterzeichnet. Welche Bedeutung hat dieser Vertrag für Sie heute?

Nach der Meiji-Restauration von 1868 entsandte Japan eine Delegation nach Amerika und Europa einschließlich Preußen. Man entschied dann, Preußen bzw. Deutschland als Modell in rechtsstaatlicher, wirtschaftlicher, sozialer und militärischer Hinsicht zu nehmen. Dieser Vertrag, der später revidiert und gleichberechtigt gestaltet wurde, bildete also eine gute Basis für die Modernisierung Japans und unsere 150-jährigen ausgezeichneten Beziehungen.

In den achtziger Jahren erlebten die deutsch-japanischen Beziehungen einen Boom, der in die neunziger Jahre hineinreichte. Danach scheint das gegenseitige Interesse aneinander abgenommen zu haben. Warum?

In den achtziger Jahren sprach man über „Japan As No. 1“. Die Zeiten haben sich geändert. Seit etwa zehn Jahren blickt man wegen ihres wirtschaftlichen Wachstums zunehmend nach China, Indien oder Korea. Es ist eine natürliche Tendenz. Auch Japan engagiert sich heute beim Handel mehr mit China als mit Amerika. Zweitens hat sich mit der Intensivierung der europäischen Integration Deutschland zunehmend auf Europa konzentriert.

Wo sehen Sie heute Perspektiven in der politischen Zusammenarbeit?

Japan ist Garant für Freiheit, Demokratie, Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit in Asien und in der Welt. Wir bilden eine Wertegemeinschaft. Unsere beiden Länder tragen globale Verantwortung und kooperieren eng bei verschiedenen politischen Aufgaben, etwa Konfliktlösung, nukleare Abrüstung und Nichtverbreitung oder die UN-Reform.

Wo sehen Sie gemeinsame Interessen in Wirtschaft und Wissenschaft?

Japans und Deutschlands wirtschaftliche und demografische Größe nimmt langsam ab. Aber als hoch entwickelte Industriestaaten haben beide Länder nach wie vor ein sehr großes Potenzial in Wirtschaft und Wissenschaft. Beide verfügen über innovatives Potenzial bei Zukunftstechnologien wie Elektromobilität, Umwelttechnologien und Life Science. Wir brauchen überdies ein Abkommen zwischen Japan und der EU über wirtschaftliche Partnerschaft, das die Kooperation bei Zukunftstechnologien und der Standardisierung umfasst. Wir hoffen, dass die Verhandlungen über ein solches Abkommen in diesem Jahr beginnen.

Wird von beiden Seiten genug getan, um junge Leute für das jeweils andere Land zu begeistern?

Wir möchten den schon regen Jugendaustausch weiter verstärken. Es ist sehr wichtig, sich unmittelbar kennenzulernen. Dies müssen wir bei der jungen Generation fördern. Ich freue mich, dass die japanische Popkultur, wie Manga, Anime, sowie die Esskultur zunehmend die jungen Deutschen begeistern. Dass „Tokio Hotel“ im Februar ein Livekonzert in Japan gibt, ist ebenfalls erfreulich.

Was kann Deutschland von Japan lernen?

Wir haben viele gemeinsame Probleme wie die Überalterung der Gesellschaft oder die Frage, wie die soziale Sicherheit gewährleistet werden kann und wie man neue Wege findet. Wir denken verstärkt an den Einsatz von Robotern oder daran, ältere Menschen zu bitten, mit Würde und Motivation weiterzuarbeiten, wenn sie dies können, also die Reintegration älterer Menschen in die Wirtschaft.

Sind Ihrer Ansicht nach die Deutschen gut informiert über Japan?

Es ist natürlich mein Ziel, das Interesse der Deutschen an Japan zu wecken, nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch bei den Bürgern. Wir müssen dabei auch die junge Generation ansprechen und hoffen, dass dadurch das Bild von Japan und Deutschland gefestigt wird.

Das Gespräch führte Rolf Brockschmidt.

Takahiro Shinyo ist nach zwei Stationen an der Botschaft in Bonn und als Generalkonsul in Düsseldorf seit 2008 Botschafter Japans in Berlin und damit zum vierten Mal in Deutschland.

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