Boyfriend Jeans : Dem Freund stibitzt

Die Boyfriend-Jeans umspielt den Körper und kaschiert unliebsame Stellen. Katie Holmes war der erste Star, der sie trug.

Jemima Gnacke

Anfang 2008 stieg Katie Holmes, Ehefrau von Tom Cruise, bekleidet mit einer Boyfriend-Jeans der Marke PRPS, aus ihrem schicken SUV und zog die gierigen Blicke der Paparazzi auf sich. Ein neuer Trend war geboren und schnell in aller Munde – jedoch nicht an allen Körpern. Nur die Prominenz folgte brav dem vorgetrampelten Pfad und betrieb im Namen der Hose Öffentlichkeitsarbeit: von Heidi Klum über Jessica Alba bis Madonna.

Der Witz an der Boyfriend-Jeans ist die Illusion, dass sie eigentlich vom Freund stibitzt sein soll. In Wirklichkeit kauft man sich ein löchriges und abgewetztes Exemplar für bis zu 350 Euro von Marken wie Diesel, Levis, Acne oder 7For All Mankind. Die amerikanischen PRPS waren die Ersten, die den Boyfriend-Schnitt einführten.

Dieser Schnitt hat so viele Vor- wie Nachteile. Wo die Röhre alles preisgibt, umspielt er den Körper und kaschiert unliebsame Stellen. Er wird weit getragen und ist an Bequemlichkeit unschlagbar. Hinfällig werden der freiliegende Steiß und sich aufdringlich abzeichnende Fettpolster. Die Trägerin stilisiert sich zum Mädchen, mit dem man Pferde stehlen kann, das sich selbst und die Mode nicht so ernst nimmt, ohne dabei an weiblichen Reizen einzubüßen.

Männer bezeichnen die Boyfriend-Jeans als „Modevolltreffer“. Aber die Nachteile beginnen schon bei der Körpergröße, weil der karottenförmige Schnitt kleine Frauen aussehen lässt wie Zwerge – es sei denn, sie trügen sehr hohe Absätze. Außerdem kaschiert der Schnitt eher, als dass er betont. Der PRPS-Gründer Donwan Harrell sieht das größte Manko in der Umgewöhnung der Frauen von körperbetont zu leger: „Frauen zeigen gern ihre Kurven, daher bevorzugen sie die Figur umschmeichelnde Kleidung.“ Die richtige Kombination ist der Schlüssel, die Boyfriend-Jeans für jede Frau tragbar zu machen. Enge Oberteile nehmen das Schlotterige, schmal geschnittene Blazer werten auf. Hohe Schuhe strecken das Bein, feine Ballerinas machen einen zierlichen Fuß. Wichtig ist, die Hose möglichst hochzukrempeln, so dass sie nicht auf dem Schuhschaft aufsitzt.

Aber worum geht es eigentlich bei dieser Hose? „Um Experimentierfreude und Unabhängigkeit der Frau. Die Jeans passt sich den Lebensumständen der Trägerin an“, sagt Donwan Harrell. Eigentlich eine gute Gelegenheit, ohne Worte etwas auszusagen. Trotzdem ist der Erfolg, den sich die Modeindustrie versprach, bislang ausgeblieben. Aber eine abgewetzte, löchrige Jeans ohne Stretch zu tragen, die dazu noch viel zu groß ist, könnte irgendwann als Privileg gewertet werden. Schließlich geht es um einen Gewinn an Komfort und Bequemlichkeit. Jemima Gnacke

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