Zeitung Heute : Brandenburg: Es begann mit zwei Briefen
02.12.2001 00:00 UhrDer Titel "Weihnachtsland Brandenburg" klingt auf den ersten Blick recht verwegen. Denn die hiesige Natur ohne hohe und verschneite Berge will dem Klischee ganz und gar nicht entsprechen. Doch wer diesen kleinen Makel einmal unbeachtet und etwas Fantasie walten lässt, kann in Brandenburg durchaus an zahlreichen Orten eine unverwechselbare festliche Stimmung spüren.
Schon der Name "Himmelpfort" spricht Bände. Vor 700 Jahren soll ein Abt beim Anblick des von kleinen Seen und Wäldern bestimmten Fleckens voller Begeisterung von der "Pforte zum Himmel" gesprochen und den Bau eines Zisterzienserklosters vorangetrieben haben. Dennoch dürfte das heute nur 570 Einwohner zählende Dorf bei Fürstenberg an der Grenze zu Mecklenburg-Vorpommern trotz des verheißungsvollen Namens ohne ein kleines Bürogebäude weitgehend unbekannt geblieben sein.
"Weihnachtspostamt" steht seit einigen Jahren in großen Buchstaben über dem Fenster. Tatsächlich werkelt hier bis zum 24. Dezember der alte Mann mit dem Rauschebart. Er nimmt Wunschzettel entgegen, die er an fleißige Helferinnen im geschmückten "Haus des Gastes" abgibt. Allein würde er die Beantwortung der erwarteten 300 000 Briefe aus aller Welt gar nicht schaffen.
Begonnen hatte die Geschichte 1984, als in der kleinen Poststelle zwei Briefe aus Berlin und Sachsen mit der Aufschrift "An den Weihnachtsmann in Himmelpfort" eintrafen. Die damalige Angestellte wollte die beiden Sendungen schon mit dem Vermerk "Empfänger unbekannt" zurückschicken, als sie kurzerhand selbst einige Zeilen an die Absender schrieb. Mit der Zeit sprach sich die Sache in der kleinen Republik herum, so dass jährlich 75 Briefe mit Wunschzetteln in Himmelpfort eintrafen. 1990 war es mit dieser Idylle allerdings vorbei. Medien aus dem ganzen Land machten die Geschichte populär, so dass Tausende Kinder an die Adresse des Weihnachtsmannes schrieben. Es gibt bundesweit zwar noch weitere fünf Postfilialen mit ähnlich schönen Namen, aber Himmelpfort ist der größte "Wunschzettel-Umschlagplatz". In immerhin acht Sprachen erhalten die Kinder eine Antwort. Die fällt keineswegs nicht nur sachlich aus, wenn die Kleinen von Kriegsangst oder großen Sorgen in ihren Familien schreiben oder zeichnen. Beim Ausflug nach Himmelpfort kann jeder dem Weihnachstmann und seinen Helferinnen über die Schulter schauen, selbst wenn das Postgeheimnis auch in diesem Fall gewahrt bleiben muss.
Kein Streit um den Baum
Gleich hinter dem berühmten Postamt beginnt der Weg zu der in den vergangenen Jahren restaurierten Dorfkirche und der mit Efeu umrankten Ruine der Klosterkirche aus dem 13. Jahrhundert. Stille herrscht in dieser Jahreszeit an der Schleuse, wo im Sommer täglich Dutzende großer und kleiner Boote unterwegs sind. Immer mehr Ausflügler bleiben an schönen Tagen auch länger im Ort. Ein Foto in Badehose oder Bikini vor dem Weihnachtspostamt gehört dann zu den begehrtesten Erinnerungen.
In diesen Wochen dürfte sich der Blick eher auf die Wälder und die Suche nach den schönsten Weihnachtsbäumen richten. Nicht nur in der Himmelpforter Umgebung ermuntern Förster und Waldbesitzer an den kommenden drei Adventswochenenden dazu, sich Kiefern, Fichten, Douglasien oder Tannen selbst abzusägen oder mit der Axt zu schlagen. Solche Aktionen in ganz bestimmten Revieren gibt es zwar auch anderswo. Aber nur im "Weihnachtsland Brandenburg" findet die Idee solch ein großes Echo. Immerhin 25 000 Bäume und 137 Tonnen Schmuckreisig wechselten im Vorjahr auf diese Weise ihren Besitzer.
Stimmung, Spaß und gute Laune sind bei solchen Ereignissen im Wald garantiert. "Endlich gibt es Heiligabend keinen Streit mehr um den Baum", nennt ein Stammteilnehmer den größten Vorteil. "Die ganze Familie hat das Exemplar ausgesucht, also muss sie sich auch gemeinsam über die fehlenden Zweige ärgern oder über den Musterwuchs freuen." Erfahrungsgemäß behalten die Brandenburger Bäume ihre Nadeln in den warmen Stuben bedeutend länger als die Konkurrenten aus Skandinavien oder Schleswig-Holstein. "Wir setzen keine Pflanzenschutzmittel oder Wachstumsbeschleuniger ein", versichtert Brandenburgs oberster Holzvermarkter, Thilo Noack. Niemand brauche wegen seines echten Baumes ein schlechtes Gewissen zu haben. Nach einigen Jahren müssten aus jeder Anpflanzung Bäume entnommen werden, um den Wald entwickeln zu können. Außerdem befänden sich viele zum Selbstschlagen freigegebene Flächen unter Energie- und Gastrassen, wo die Bäume ohnehin nicht in den Himmel wachsen dürfen.
Seit Mitte der neunziger Jahre haben sich die Aktionen im Wald zu kleinen Volksfesten entwickelt. Da wärmen sich die Städter am Lagerfeuer, genießen Glühwein, lassen sich die Bratwurst schmecken und kaufen nebenbei noch Wurst und Fleisch vom Fleischer aus dem Dorf.
Da ist der Gedanke an den Besuch eines idyllischen Weihnachtsmarktes nicht weit. Gerade in Brandenburg gibt es mehrere Geheimtipps ohne Rummel und Abzockerei. Mitten im Wald stehen beispielsweise die Verkaufsbuden für Kunsthandwerk und Geschenke des Marktes von Klein Briesen in der Nähe von Belzig. An allen Adventswochenenden beginnt das geruhsame Treiben um 12 Uhr.
Gebackenes und Gebratenes
Viel Mühe geben sich die Veranstalter des Weihnachtsmarktes in Ließen zwischen Luckenwalde und Baruth. Schon zum sechsten Mal veranstaltet das Flämingdorf rund um die gerade frisch renovierte Barockkirche am 8. und 9. Dezember den Verkauf von Handwerkskunst, frisch Gebackenem und Gebratenem. In der Kirche finden Theater, Konzerte und Lesungen für Kinder und Erwachsene statt. Romantisch geht es an allen Wochenenden vor Weihnachten auch auf der Burg Rabenstein zu, südwestlich Berlins gelegen. Hier begrüßt auf dem Markt nicht nur der Weihnachtsmann die Gäste, sondern auch "Ralf der Rabe". Er hat, so viel wurde schon verraten, viele Bastelarbeiten für Kinder vorbereitet. Außerdem wird im Backhaus nach Urgroßmutter-Art deftiges Brot gebacken.
Das Museumsdorf Glashütte bei Baruth lohnt zwar immer einen Abstecher. Aber am heutigen Sonntag öffnen alle Werkstätten, Ausstellungen und Verkaufsstände wegen des Weihnachtsmarktes bis in die Abendstunden. Da dürfte am Ende des Ausflugs bestimmt das eine oder andere Souvenir aus dem "Weihnachtsland Brandenburg" in großen und kleinen Taschen oder gar Kofferräumen liegen.








