Zeitung Heute : Brasilien bläst zur Hexenjagd

RIO DE JANEIRO .Die Trauer hat in Brasilien nach der unerwarteten Schlappe im Finale der Fußball-Weltmeisterschaft nicht lange angehalten.Fachjournalisten und Sportler, aber auch Show-Stars und der "Mann von der Straße" bliesen bereits 24 Stunden nach der 0:3-Niederlage gegen Gastgeber Frankreich zur Hexenjagd.Man zog über die Sündenböcke Ronaldo, Zagallo, Nike und FIFA her, diskutierte Komplott-Theorien durch und sprach auch gar von einem "abgekarteten Spiel".

Die Frage des Tages hatte die Sportzeitung "Lance" auf der ersten Seite und in großen Lettern vorgegeben: "Warum nur?" So hemmungslos viele Brasilianer noch am Sonntag nach dem Spiel auf offener Straße geweint hatten, so unerbittlich zeigten sich die fußballverrückten Südamerikaner am Montag bei der Suche nach den Schuldigen für die "nationale Tragödie", wie der Technische Koordinator Zico die Niederlage bezeichnete."Das Finale wird für immer negativ auf der Karriere von Ronaldo lasten.Er hat nicht die Kampflust gezeigt, die zum Titelgewinn nötig war.Und er hatte nicht den Charakter, angesichts seines schlechten körperlichen Zustands vor dem Spiel auf einen Einsatz zu verzichten", schrieb das Massenblatt "O Dia" bissig.

Anderen gilt der 21 Jahre alte Stürmerstar von Inter Mailand, der am Tag des Endspiels von Unwohlsein befallen worden war, nicht als Täter, sondern als Opfer.Angeblich habe die US-Sportartikelfirma Nike bei Nominierung des WM-Kaders und der Aufstellung Einfluß genommen.Nike hat mit Brasiliens Verband CBF einen 200-Millionen-Dollar-Vertrag mit zehnjähriger Laufzeit geschlossen.Einige Medien berichteten, das Hin und Her um die Aufstellung Ronaldos habe die Mannschaft des Titelverteidigers bis zum Anpfiff in Paris acht Stunden lang beschäftigt und durcheinandergebracht."Ganz so war das nicht", meinte Zico bestimmt, und auch Ronaldo beteuert: "Ich hatte mich zwar so schlecht wie noch nie gefühlt, dann ging es mir aber wieder besser, und ich wollte spielen, habe es auch Trainer Zagallo gesagt."

Unterdessen werden in Brasilien alle möglichen Erklärungen für die schwache Leistung Ronaldos und des gesamten Teams bemüht."Der französische Koch hat im Trainingslager das Essen von Ronaldo vergiftet", vermuteten nicht wenige Hörer des Radiosenders "CBN".Die beliebteste TV-Moderatorin des Landes, Hebe Camargo, sagte am Abend in ihrer Show: "Unsere Jungs können doch nicht so schlecht spielen.Ob das Endresultat nicht geplant war?"

Der Realität näher dürfte die Kritik von Tostao, dem Mittelfeldlenker des Weltmeisterteams von 1970, kommen: "Zagallo hat sich mit vielen unfähigen Leuten umgeben und wenig gearbeitet.Da muß in Zukunft vieles anders, seriöser werden."

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