Zeitung Heute : BRASILIENS STÜRMERSTAR GIBT SICH GANZ MANNSCHAFTSDIENLICH: "Notfalls gehe ich auch ins Mittelfeld"

NANTES (sid).Ständige Zoff-Geschichten aus dem Lager des Weltmeisters, angebliche Kritik an seiner Leistung - das bekannt breite Grinsen des Ronaldo Luiz Nazario de Lima, kurz Ronaldo genannt, weicht langsam einem aggressiven Gesichtsausdruck.Auf dem Rasen blieb er im ersten Spiel ohne Durchschlagskraft, dafür ging der bereits vor dem Turnier zum Wunderstürmer hochgejubelte 21 Jahre alte Brasilianer zumindest verbal in die Offensive.

Vor dem zweiten Vorrundenspiel der "Samba-Fußballer" gegen Marokko am Dienstag abend (bei Redaktionsschluß noch nicht beendet) stellte sich Ronaldo schützend vor sein Team: "Ich kann nicht begreifen, warum bei uns über eine schlechte Atmosphäre berichtet wird.Immer wird bei uns nach Knatsch gesucht.Das Problem ist, daß die meisten ausländischen Journalisten uns nicht verstehen, deshalb wird vieles falsch wiedergegeben."

Ronaldos "mannschaftsdienliches" Verhalten findet mittlerweile Nachahmer.Verteidiger-Star Roberto Carlos schlug in die gleiche Kerbe: "Ist etwas Schlimmes daran, wenn es mal Unstimmigkeiten gibt? Im Endeffekt spielen wir alle für die Mannschaft.Und wenn der Trainer sagt, ich habe mehr hinten zu spielen, tue ich das", stellte der Linksfuß mit dem Gewaltschuß klar.

Auch Berichte über nächtliche Ruhestörungen oder andere Eskapden seiner Teamkollegen im WM-Quartier im Lesigny gehen Ronaldo mittlerweile auf die Nerven."Daß wir kurz vor Mitternacht immer noch etwas zu essen bestellen, ist völlig normal.Ich lasse mir beispielsweise immer Kuchen bringen", erklärt der Stürmer von Inter Mailand.

Immer mehr wird deutlich, daß sich Ronaldo angesichts des täglich wachsenden Drucks auf seine Person in der Rolle des "Mannschaftsspielers" sehr wohl fühlt.Eine ähnliche Strategie will er auch auf dem Rasen verfolgen.Daß der "Fußballschuh Gottes" mit Ladehemmung zu kämpfen hat - sein letztes Tor erzielte Ronaldo am 29.April mit dem 2:1 gegen Deutschland - beunruhigt ihn dabei keineswegs.

"Im Gegensatz zu einigen Leuten habe ich keine Problem damit.Zur Not gehe ich auch ins Mittelfeld, wenn wir dadurch Weltmeister werden.Dann trete ich den Titel des WM-Torjägers gerne an Oliver Bierhoff ab", sagt jener Mann, dem zugetraut wurde, in Frankreich den WM-Rekord des legendären Just Fontaine (13 Tore) zu knacken.

Die forschen Töne des "Wunderknaben" hinterlassen auch Eindruck auf Sportdirektor Zico.Der ehemalige Weltklassespieler versucht entsprechend, die angeblich von ihm geäußerte Kritik an Ronaldo geradezubiegen."Ich habe nie seine Qualitäten in Frage gestellt.Ich habe lediglich bemerkt, daß seine Fähigkeiten noch nicht ausgereizt sind.Aber das ist nur eine Frage der Zeit.Er wird sicherlich ein ganz Großer."

Ronaldo hat sich indes schon im Vorfeld jenes Schlupfloch geschaffen, das ihm selbst in kritischen Situationen die nötige Rückzugsgelegenheit gibt.Sechs Kilometer vom Trainingsplatz im WM-Quartier der Brasilianer in Lesigny entfernt mietete er für viel Geld ein großes Haus für seine Familie an.Alle freien Tage verbringt er mit seiner deutschstämmigen Verlobten Suzana, einer bekannten TV-Moderatorin in Brasilien, seiner Mutter, seinen Brüdern und noch einigen anderen Verwandten."Die Familie gibt mir Kraft, hier schöpfe ich Mut."

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