Zeitung Heute : BRASILIENS STÜRMERSTAR VERMISST SEINEN KUMPEL ROMARIO: TV-Kommentare statt Traumpässen

OZOIR-LA-FERRIRE (sid).Von Zico ausgebootet, von Ronaldo vermißt: Obwohl Brasilien mit einem 4:1-Sieg über Chile in das Viertelfinale vorgestoßen ist, scheint der viermalige Titelträger ein kleines Stürmerproblem zu haben.Denn nach den bisherigen Auftritten bei der "Mondial 98" wird im Lager des viermaligen Weltmeisters jetzt gegrübelt: Wer ist Ronaldos idealer Sturmpartner? "Il Fenomeno" selbst sagt: "Für mich ist Romario ein großer Fußballer.Er fehlt mir an meiner Seite."

Der spieltechnisch versierte Romario, der beim World Cup 1994 in den USA mit fünf Toren großen Anteil an Brasiliens viertem WM-Triumph hatte, aber wegen fehlender Fitneß unmittelbar vor der WM 1998 von Teamchef Zico und Trainer Mario Zagallo ausgebootet wurde, gilt als Ronaldos Standardpartner.Das Duo harmonierte in der Vergangenheit im Team der "Selecao" prächtig und verstand sich blind, was im Fall Ronaldo/Bebeto oder Ronaldo/Denilson bislang nur selten der Fall war.Ronaldo überzeugte auch nur bedingt bisher.

Bebeto und Denilson sind zwar wesentlich beweglicher, doch Romario spielt aus der Sicht Ronaldos effektiver.Der frühere Spanien-"Legionär" zählt zu den wenigen Spielern, die Ronaldo mit mustergültigen Pässen glänzend bedienen können.Zudem akzeptiert Ronaldo seinen Kollegen Romario auch als Menschen, beide verbindet sogar eine Freundschaft.

Doch anstatt in Frankreichs Stadien zu glänzen, arbeitet Romario mehr oder weniger unfreiwillig als Fernseh-Kommentator für den brasilianischen Sender TV Globo.Auch vier Wochen nach seiner Nichtnominierung ist der 168 Zentimeter kleine Angreifer immer noch entsetzt: "Ich bin voller Freude nach Frankreich gereist und war von Freunden umgeben.Und dann mußte ich alleine und traurig nach Hause zurückkehren.Das war und ist bitter für mich."

Vor allem deshalb, weil Romario in Frankreich ähnliches vorhatte wie vor vier Jahren in den USA.Er wollte mit Brasilien nicht nur den WM-Titel verteidigen, sondern erneut zum weltbesten Fußballer aufsteigen."Ich werde dort besser spielen als 1994", kündigte der "Weltfußballer des Jahres" von 1994 noch vor wenigen Wochen an.Schließlich sei er noch schlauer geworden, noch raffinierter, noch intelligenter.

Romarios früheren Teamkollegen Carlos Dunga ist dagegen im brasilianischen Kader, und auch er hat einen Traum.Brasilien soll zum fünften Mal Weltmeister werden.Dann geht der Kapitän von Bord."Ich möchte noch diesen einen großen Titel gewinnen." Mit diesen Worten gab Carlos Caetano Bledorn Verri, wie sein vollständiger Name lautet, am Sonntag abend im brasilianischen Trainingslager von Lesigny seinen nicht unerwarteten Rückzug von der internationalen Bühne nach "France 98" bekannt.

Noch einmal nimmt der Ex-Stuttgarter im Konzept von Trainer Mario Zagallo eine ganz zentrale Rolle ein.Wie schon vor vier Jahren in den USA spielt der 87malige Nationalspieler den Zuchtmeister, der bei den ballverliebten Südamerikanern auf dem Rasen dafür sorgen muß, daß die taktische Disziplin nicht vernachlässigt wird.

In seiner 17jährigen Profi-Karriere und bei drei Weltmeisterschafts-Teilnahmen hat Dunga gelernt, daß er auch vor lauten Worten nicht zurückscheuen darf.Ansonsten spuren Brasiliens Stars nicht, die den Ball am liebsten in das gegnerische Tor tragen würden, aber bei solchen Mätzchen darüber zu häufig die Abwehr vergessen.Die Fußball-Welt hat Dunga in den Tagen von Frankreich meist brüllend und wild gestikulierend erlebt.

Weltweit für Aufsehen sorgte vor allem eine Szene aus der Vorrunde, als Dunga gegen seinen Mannschaftsgefährten Bebeto fast handgreiflich geworden wäre.Auslöser für diesen Ausraster: Der kleine Stürmer hatte sich bei einem Freistoß für Norwegen nicht schnell genug vor den Ball gestellt.Dunga mußte sich entschuldigen, um den Burgfrieden zu wahren, und erteilte sich in der Partie gegen Norwegen selbst Redeverbot.Die Folge: Brasiliens Stars kassierten gegen die "Wikinger" mit 1:2 die erste Turnierniederlage.

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