Zeitung Heute : Braucht Deutschland eine Elite-Uni?

Unsere Hochschulen gelten als nicht mehr konkurrenzfähig. Was sich ändern muss. / Von Julian Nida-Rümelin

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„Und wenn es doch die eine international ausgerichtete deutsche EliteUni werden soll? Nun, in diesem Fall käme wohl nur die Humboldt- Universität in Frage.“

Nehmen wir einmal an, dass diejenigen, die eine deutsche Elite-Uni fordern, das ernst meinen. Deutschland soll also mindestens eine Universität bekommen, die mit den führenden Forschungsuniversitäten der USA (Harvard, Yale, Stanford etc.) nicht nur in dem einen oder anderen Zentrum, vielleicht einer Fachrichtung, sondern in toto konkurrieren kann und für inländische und ausländische sehr begabte und motivierte Studierende gleichermaßen attraktiv ist. Weiter angenommen, diese Universität soll nicht als kleine Muster-Uni auf der grünen Wiese entstehen, sondern aus einer der traditionellen deutschen Universitäten hervorgehen. Was wären die Konsequenzen?

Die wohl wichtigste Konsequenz betrifft das so genannte Betreuungsverhältnis, also die Zahl der von einem Professor zu betreuenden Studierenden. Die Wissenschaftspolitik verfolgt seit 1977 eine Untertunnelungsstrategie, das heißt, sie lässt zu, dass sich die Zahl der Studierenden weit über Soll erhöht, ohne zusätzliche Professorenstellen zu schaffen, in der Erwartung, dass die sich daraus ergebende Notlage schon in wenigen Jahren, nach dem Boom der geburtenstarken Jahrgänge, vorüber sein würde.

Diese Erwartung wurde über zwei Dekaden enttäuscht und blieb doch weiter politischer Topos – bis heute. Selbst in diesen Tagen wird dieses längst widerlegte demographische Argument bemüht und zugleich eine Erhöhung der „Jahrgangs-Studentenquote“ gefordert. Wie das zusammenpassen soll, weiß keiner zu sagen.

Ein – nicht fiktives und extremes, sondern eher typisches – Beispiel deutschen Universitätsalltags: Ein Institut mit 3000 Studierenden, sechs Professoren und sechs wissenschaftlichen Mitarbeitern, rund 300 Anfängern jedes Semester, 240 Absolventen. Jeder Professor hat also durchschnittlich 40 Abschlussarbeiten im Umfang von etwa 200 Seiten pro Semester zu betreuen, die renommiertesten deutlich mehr. Das bedeutet: sorgfältige Lektüre mit schriftlichen und mündlichen Kommentaren von 8000 Manuskriptseiten. Hinzu kommen weitere 10 000 Seiten Hausarbeiten und Klausuren, die Anfertigung von über 100 Gutachten (Abschlussarbeiten, Stipendien-Anträge, Promotionen, Habilitationen, Berufungsverfahren, Projekte für die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), sowie externe Gutachten aller Art, die zwar nicht vergütet, aber erwartet werden).

Seit dem Spätmittelalter rechnet man mit einem Tag Vorbereitung für jede Lehrveranstaltung. Vorlesungen sind arbeitsintensiver. Das Manuskript für eine Vorlesung von zwei Stunden hat einen Umfang von etwa 40 Seiten. Die müssen erst mal Woche für Woche geschrieben sein. Natürlich halten manche aus Zeitnot oder Bequemlichkeit immer die gleiche Vorlesung über Jahre. Sinnvoll ist das nicht. Jeder Absolvent erwartet, bescheiden wie Studierende in Deutschland zu sein gelernt haben, insgesamt nur fünf Stunden Beratung, macht 200 Stunden. Seminarteilnehmer sind noch bescheidener, aber gelegentlich möchten sie ihre Hausarbeiten mit dem Dozenten besprechen; mündliche und schriftliche Prüfungen sind abzuhalten und dann Sitzungen aller Art, Department, Institut, Fakultät, Senat, Planungskommission, Haushaltskommission, Berufungskommissionen etc.

Das ist alles bei effizienter Arbeitsweise, gediegenen Kenntnissen und guten Nerven zu bewältigen, nur anderes kommt dabei zu kurz: die eigene Forschung und die gezielte Förderung besonders Begabter oder besonders Hilfsbedürftiger. Dieser Universitätsalltag ist auch bei weiter Auslegung des Elite-Begriffs mit einer Elite-Uni kaum in Einklang zu bringen. Er schult bei Studierenden die Fähigkeit, sich selbstständig zurecht zu finden, auch schwierige Situationen zu meistern und bei Lehrenden wie Lernenden die Improvisationskunst. Nicht schlecht, werden Zyniker sagen, dann ist wenigstens ein Ertrag des Studiums in Deutschland sichergestellt.

Die Professoren einer deutschen Elite-Uni müssten von Verpflichtungen in Lehre und Administration nach dem Vorbild der US-amerikanischen Spitzen-Universitäten deutlich entlastet werden, um Ressourcen für die individuelle Betreuung der Studierenden und für eigene Forschung frei zu bekommen. Ein bis zwei Lehrveranstaltungen pro Woche sind dort üblich, während in Deutschland gegenwärtig von den Wissenschaftspolitikern in aller Unschuld eine weitere Ausweitung der Lehrverpflichtungen der Professoren über vier hinaus angestrebt wird.

Eine Elite-Uni benötigt ein Vielfaches der Zahl der Professoren für die gleiche Zahl Studierender im Vergleich zum deutschen Standard. Man kann sich streiten, ob eine Versiebenfachung erforderlich ist, oder eine Vervierfachung genügt.

Muss eigens gesagt werden, dass Vergleichbares für die finanzielle Ausstattung gilt? Stanford hat einen Jahresetat von über zwei Milliarden Dollar, die gegenwärtig wohl am höchsten bewertete deutsche Universität (wenn man die Technikwissenschaften nicht berücksichtigt), die Ludwig-Maximilians-Universität in München, verfügt über rund eine viertel Milliarde Euro, das ist weniger als ein Sechstel, bei weit mehr Studierenden als in Stanford.

Stanford meldete im August des vergangenen Jahres stolz die Erfolge einer Spendenaktion in Höhe von insgesamt 889 Millionen Dollar, bei einem Jahresziel von einer Milliarde: 204 Millionen für das Undergraduate-Programm, dem in Stanford mehr Aufmerksamkeit gilt als an anderen amerikanischen Forschungsuniversitäten, aber auch 245 Millionen Dollar für „Athletic and Basic Needs“, für Sport und Allgemeines. Ist es vorstellbar, dass ähnliche Erfolge in Deutschland zu erzielen wären? Lässt die Wirtschaft ihren Forderungen nach mehr Bildung und Forschung, aber zugleich nach Steuersenkungen, nun Taten folgen und übernimmt einen wesentlichen Teil der Finanzierung einer oder mehrerer solcher Elite-Universitäten, anstatt Einrichtungen zu gründen, die zwar gelegentlich „Elite“ im Namen tragen, aber deswegen noch keine sind? Überhaupt hat der, der sich zur Elite zählen darf, es so an sich, davon kein Aufhebens zu machen. Was sich selbst Elite nennt, ist meistens keine.

Erforderlich wäre aber auch ein Ende der oft an absurdes Theater gemahnenden Selbstverwaltung in Gestalt endloser und fruchtloser Gremiensitzungen. Professoren sind meist sehr gut in ihrem Fachgebiet, sie können eindringlich und überzeugend für oder gegen eine wissenschaftliche Hypothese argumentieren. Sie haben gelernt, sich in der argumentativen Auseinandersetzung zu behaupten, aber meist geht ihnen die Fähigkeit zum Kompromiss, zur entscheidungsorientierten, knappen Klärung von Sach- und Konfliktpunkten ab.

Eine deutsche Elite-Universität müsste von Studierenden im In- und Ausland als ein bevorzugter Studienplatz gelten. Sie würde aus Tausenden von Bewerbern in gründlichen Auswahlverfahren einen Bruchteil zum Studium zulassen. Sie würde eine enge Gemeinschaft und einen intensiven Gedankenaustausch zwischen Lehrenden und Lernenden ermöglichen. Sie würde besonders solche Forschung fördern, die auch für die Lehre und die Ausbildung des akademischen Nachwuchses relevant ist. Der Zusammenhang zwischen Forschung und Lehre wäre viel enger, als das an den deutschen Universitäten heute in der Regel der Fall ist. Diese Universität würde keine akademische Schmalspurausbildung zulassen, sondern Wert auf Allgemeinbildung und Persönlichkeitsentwicklung legen.

In den ersten beiden Jahren des Grundstudiums wäre eine Vielzahl von Lehrveranstaltungen unterschiedlicher Disziplinen zu belegen, um dem Fachidiotentum vorzubeugen und die geistige Beweglichkeit zu fördern. Exotische Fächerkombinationen müssten ebenso möglich sein, ja besonders gefördert werden, wie die interdisziplinäre Kooperation in Forschung und Lehre. Kurz, eine Revitalisierung der Ideale der deutschen Vorbild-Universität, wie sie Wilhelm von Humboldt vorschwebten und die Deutschland für einige glückliche Jahrzehnte zur führenden Bildungs- und Wissenschaftsnation gemacht hatten – im Ausland kopiert, gerade in den USA, nur dass der Humboldt’sche Geist dort an den führenden Graduate-Schools besser bewahrt wurde als in seinem Ursprungsland.

Ist das wirklich vorstellbar, dass die Wissenschaftspolitiker aller Parteien und Interessenverbände, denen bis heute der humanistische Geist unverständlich geblieben ist und als Hindernis für eine konsequente Berufsorientierung des Studiums und ebenso konsequente Verwertungsorientierung der Forschung gilt, sich nun eines Besseren besinnen? Dass sie das Paradoxon verstanden haben, dass akademische Bildung im Sinne von Urteilskraft und eigenständigem Denkvermögen, dass gerade forschungsnahe Lehre zum Beruf auch außerhalb der Akademie besonders befähigt? Dass es nicht sinnvoll ist, die Universitäten zu großen Fachhochschulen umzubauen und diese wiederum den Universitäten anzugleichen? Dass in der Umwandlung der Universitäten in große Schulbetriebe etwas Wesentliches verloren geht und schon verloren gegangen ist, was nun in Gestalt einer so genannten Elite-Universität wieder eingefangen werden soll?

Wenn die Innovations-Initiative ernst gemeint ist, dann müsste es jetzt eine Debatte um die beste Form geben. Wäre es nicht sinnvoller, den Aufbau vieler Exzellenz-Zentren in Deutschland zu fördern, die untereinander in Konkurrenz stehen, als eine oder vier oder gar zehn, ja warum nicht föderalismuskompatibel 16 so genannte Elite-Universitäten anzustreben?

Die Politik sollte sich aus der Konkurrenz um die besten Ideen und Talente heraushalten. Aber dort wo sich Potenziale abzeichnen, zusätzlich finanzielle und institutionelle Förderungen bereithalten anstatt mit dem Rasenmäher zu kürzen, wie das gegenwärtig in der gesamten Republik der Fall ist: Physik vielleicht in Hamburg, Geisteswissenschaften in München, Technikwissenschaften in Aachen, Gentechnik in Tübingen etc. Dann ginge es aber nicht darum, einzelne Universitäten zu Elite-Universitäten zu machen, sondern bestimmte Profilierungen und Schwerpunktsetzungen zu fördern, den besten der Besten zusätzliche Spielräume in Forschung und Lehre zu verschaffen. Das kann in Berlin ebenso wie in Bayreuth geschehen. Das klingt weniger spektakulär, wäre aber realistischer und würde ebenfalls viel Geld kosten, vorausgesetzt es wird ernsthaft und langfristig und nicht effekthascherisch und kurzsichtig betrieben.

Und wenn es doch die eine international ausgerichtete deutsche Elite-Uni werden soll? Nun, in diesem Fall käme wohl nur die Humboldt-Universität in Frage. Nicht, weil diese etwa heute schon die deutsche Spitzen-Universität wäre. Sie steht in den Vergleichen gut da, aber je nach Fach liegen andere Universitäten nicht nur in München, Hamburg, Frankfurt, Aachen, Heidelberg, sondern gelegentlich auch in der Provinz, vorne. Aber nur die HU könnte in großzügiger Auslegung preußischen Kulturbesitzes und mit zähneknirschender Zustimmung der Länder, zum überwiegenden Teil vom Bund finanziert werden, wie das für die Stiftung Preußischer Kulturbesitz mit seinen zahlreichen Museen der Fall ist, an der alle Länder, besonders auch Berlin beteiligt ist, deren Budget aber doch zu drei Viertel und deren Investitionen fast ausschließlich vom Bund finanziert werden.

Konstanz hat ebenfalls gute Rankings, aber will man weltweit die zukünftigen Eliten an den Bodensee locken? Nein, dann kommt nur Berlin, die derzeit spannendste europäische Stadt in Frage. Eine solche Universität sollte sich dann auch dadurch legitimieren, dass sie die Hälfte ihrer Studienplätze für ausländische Studenten reserviert, sie müsste einen Großteil ihrer Lehre in englischer Sprache anbieten, exzellente Professoren und Wissenschaftler aus aller Welt an sich binden, was nur mit großzügigen Angeboten möglich sein wird.

„Humboldt“, das ist nach wie vor ein klingender Name, auch, wenn die Prinzipien seiner Universitätsreform in der deutschen Wissenschaftspolitik von wenigen verstanden, von vielen verachtet und von allen wissenschaftspolitisch Verantwortlichen seit Jahrzehnten missachtet werden. Aber vielleicht erleben wir ja in diesen Tagen die große kollektive Zerknirschung deutscher Wissenschaftspolitik und eine Besinnung auf einige zukunftsträchtige Elemente deutscher Wissenschaftstradition? Freiheit der Forschung und Verpflichtung des Staates, Autonomie der Wissenschaft und kollektive Verantwortung waren bei diesem liberalen und humanistischen Denker keine Gegensätze wie bei heutigen neo-liberalen Marktapologeten, sondern bedingten einander. Eine Privat-Universität, abhängig von wirtschaftlichen Interessenlagen, wäre Humboldt ein Gräuel gewesen. Der Staat sollte durch inhaltliche Abstinenz und großzügige Finanzierung die Freiheit der Wissenschaft garantieren.

Der Bund als Finanzier einer international ausgerichteten Elite-Universität in Berlin? Diese Vorstellung ist nicht ohne Reiz, und es wäre ein sinnvollerer Einsatz von Bundesmitteln als die Bezuschussung des Berliner Haushaltes, zu dem das Verfassungsgericht den Bund demnächst zwingen mag, aber sie birgt hohe Risiken. Die Gefahr, dass die Tendenz zu Verschulung und Provinzialisierung an den restlichen deutschen Universitäten eher zu- als abnähme und dass wir mit dem Modell einer amerikanischen Elite-Universität auch die Nachteile der amerikanischen Universitätslandschaft importierten: einige wenige exzellente, viel Mittelmaß und der große Rest nur unwesentlich über dem Niveau der deutschen gymnasialen Oberstufe.

Dann lieber den Vorteil wahren, dass in Deutschland auf recht hohem Niveau und trotz der nachlässigen Wissenschaftspolitik aller Parteien, die der überfälligen Bildungsexpansion der sechziger und frühen siebziger Jahre folgte, fast überall mit gutem Gewissen studiert werden kann und sich die meisten Professoren trotz „Überlast“ bemühen, mit der aktuellen Forschung Schritt zu halten.

Ein Gutes haben Vorschläge, auch und gerade unausgegorene: Sie können eine überfällige Debatte initiieren und in diesem Fall möglicherweise die merkwürdige Konzentration der aktuellen Wissenschaftspolitik auf Besoldungssysteme, Modularisierungen, Umbenennung von Abschlüssen und vor allem Einsparungen beenden. Es wäre höchste Zeit.

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