Zeitung Heute : Bravourös falsch

ECKART SCHWINGER

Monteverdis "Marienvesper" mit der Berliner Cappella im SchauspielhausWie komponiert ein Zehnjähriger? Er läßt ungeniert seinen kindhaften Geist Kapriolen schlagen und produziert ein so fideles wie drolliges Stück namens "Gallimathias musicum" (KV 32).Ein scherzhaftes musikalisches Allerlei des kleinen Wolfgang Amadeus, bei dem sicherlich Vater Leopold Mozart mitgemischt hat, der ja gemäß seiner Augsburger Herkunft etwas übrig hatte für rustikale Orchsterspäße.Jeder Verniedlichung abhold, brachte es nunmehr in einem heiteren Mozart-Konzert das Kammerensemble der Staatskapelle Berlin im Apollo-Saal auf beherzte Weise zur Aufführung. Sicherlich hätte man es etwas aufgekratzter und kontrastvoller darbieten können.Ganz anders schlug dagegen der mit saftiger Spielfreude servierte "Musikalische Spaß" (KV 522) ein, in dem der 21jährige Mozart aus überlegener Sicht Klischees und Stümperhaftigkeiten komponierender Zeitgenossen geistreich karikiert.Es amüsierte rundum, dieses bravouröse Falschspielen nach Noten mit einem sich am Ende vor Entsetzen humorvoll die Ohren zuhaltenden Peter Schreier! Er sang auch selbst einige Mozart-Lieder in der von ihm gewohnten kunstvollen Natürlichkeit und noch immer ungemein lebendigen Artikulation.Vor allem die in zarter Kantabilität schimmernde "Abendempfindung" wird in Erinnerung bleiben.Weniger die merkwürdigerweise in diesem Rahmen kaum zündenden, zu wohltemperiert wirkenden Kanons, die von einem erlauchten Gesangsquartett der Staatskapelle bestritten wurden.Hätte das nicht eigentlich schon ein Gaudium für sich sein müssen? Aber alles läßt sich auch der zu drastischem Humor neigende Mozart nicht im Handumdrehen entlocken.Vitalen, farbigen und zugleich sehr feinfühligen Mozart präsentierten gleich zu Beginn Christoph Ulrich Meier (Klavier) und Axel Wilczok (Violine) mit der e-Moll-Sonate für Klavier und Violine (KV 300c).Vom ersten Takt an eine Einladung, genau zuzuhören.Besonders im Tempo di Menuetto wurden selbst die kleinen, launigen Triller, überhaupt all die winzigen Verzierungen, delikat ausmusiziert, kam alles in der schönen Mischung von spielerischer Leichtigkeit, Formstrenge und einer geradezu modernen Transparenz herüber.ECKART SCHWINGER

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