Zeitung Heute : Bread and Butter

Karl-Heinz Müller hat das Unmögliche geschafft: Er holte die junge Mode nach Berlin.

Grit Thönnissen

Von Grit Thönnissen

Karl-Heinz Müller ist kein Feingeist. Das sieht man schon an seinem Lieblingsoutfit: Hemd, der oberste Knopf offen, getragen über der Hose, die eigentlich immer eine Jeans ist. Dazu Turnschuhe oder derbe Schnürstiefel der Marke „Red Wings“. Ein zeitloser Auftritt für jemanden, der einen Heidenspaß daran hat, die deutsche Modeszene immer mal wieder kräftig aufzumischen. Müller ist Gründer und Chef der Modemesse Bread & Butter, die an diesem Wochenende zum siebten Mal in Berlin stattfindet. Aber an sich selbst mag er keine modischen Experimente.

Sein offizieller Titel lautet „President of Bread & Butter“. Er hat noch zwei Partner, Kristyan Geyr und Wolfgang Ahlers. Eigentlich treten die drei immer zusammen auf, und sind auch zu dritt auf jedem Foto, das über den Begrüßungstexten der Messekataloge steht. Aber letztlich sprechen dann doch alle von und über Karl-Heinz Müller.

Der Name der Messe ist eine nette Referenz an Müllers Anfänge: Nach dem Besuch der Handelsschule begann er mit 15 Jahren seine Karriere als Auszubildender zum Einzelhandelskaufmann im Feinkosthaus im saarländischen Dillingen. Danach arbeitete er fast 20 Jahre in der Modebranche – erst als Außendienstmitarbeiter für Levi’s, später als deutscher Geschäftsführer des Jeanslabels Pepe Jeans. Zum ersten Mal sorgte er für Aufruhr, als er die von ihm in Köln mitgegründete „Offshow for Selected Brands“, die drei Mal parallel zur altehrwürdigen Modemesse Interjeans stattfand, im Oktober 2002 Hals über Kopf nach Berlin verlegte.

Vielleicht hat es mit Karl-Heinz Müllers ausgesprochen lässiger, grizzlybärhafter Haltung zu tun, die er sowohl im Vier-Augen-Gespräch als auch auf dem Podium einer Pressekonferenz an den Tag legt, dass er die Chefs der großen Jeans- und Sportswearfirmen so unkompliziert und schnell dafür erwärmen konnte, mit ihm in die Hauptstadt zu kommen. Pessimisten waren dagegen fest davon überzeugt: Der Umzug nach Berlin ist eine Schnapsidee. Niemand wolle ins modische Nichts und ins geografische Abseits, und überhaupt sei die Bread & Butter bald wieder zurück am Rhein, hieß es immer wieder.

Im Januar 2003 zeigten sich Firmen wie Levi’s und Nike, G-Star und Miss Sixty erstmals nach Jahren der Abstinenz wieder auf einer Modemesse und alle waren begeistert: Von der Pionierleistung der Organisatoren, vom maroden Charme der alten Siemens-Werkhallen draußen in Spandau, von dem Spaß, den man auf der Bread & Butter haben kann und natürlich vom Berliner Nachtleben. Kurz gesagt: Alle hatten das Gefühl, etwas Neues mitzuerleben. Eine Saison später gab es die Interjeans in Köln nicht mehr und den Organisatoren der Bread & Butter lagen fast 400 Anmeldungen vor.

Noch im Januar 2003 zog Karl-Heinz Müller mit Sack und Pack von Köln an die Spree – beruflich und privat. Seine Lebensgefährtin, die Pressechefin der Bread & Butter, Danielle de Bie, kam natürlich mit. Jetzt konnte der „Berlin-Hype“, von dem vor allem die ausländischen Aussteller und Besucher angesteckt waren, so richtig losgehen. Zwar habe Berlin kein Geld, aber dafür ein großes Herz und auf den hiesigen Straßen habe sich eine Urban-Design-Kultur entwickelt, die auch die Leute in London interessiert, wurde Müller zitiert.

Darüber, den Palast der Republik zu bespielen, dachte er ebenso laut nach wie er davon sprach, gegen London, Paris und Mailand antreten zu wollen. Und deshalb international erfolgreiche Designer wie den Belgier Dries van Noten mit Modenschauen an die Spree zu holen. Doch das sollte erst mal nur ein Traum bleiben.

Die Bread & Butter kaufte schließlich das ehemalige Siemens-Kabelwerk und viele deuteten das als untrügliches Zeichen, dass Karl-Heinz Müller und seine Partner sesshaft werden wollten. Aber da es für den 48-Jährigen nichts Wichtigeres gibt „als in Bewegung zu bleiben“, überraschte er die Branche und erschütterte Berlin im Januar 2005 mit der Nachricht, eine zweite Messe in Barcelona veranstalten zu wollen – damit Besucher aus den Mittelmeerländern von Berlin weg und in die katalanische Stadt zu locken.

Vor einer Woche endete die zweite Ausgabe der Bread & Butter in Barcelona: 48 800 Besucher kamen, 20 000 mehr als zur Juli-Messe nach Berlin.

Freunde hat sich der Mann, der, wenn er lächelt, seine Augen fest zusammenkneift, in Berlin damit nicht gerade gemacht. Manche sprechen gar von Größenwahn, wenn Karl-Heinz Müller die Bread & Butter mit Daimler oder dem Modeunternehmen Hugo Boss vergleicht, und damit auch die Expansion ins Ausland rechtfertigt. Und wenn man sich die Sommerausgabe des offiziellen Bread & Butter-Magazins anschaut, könnte das sogar zutreffen.

Der „President“ ist dort einmal als Spanier verkleidet zu sehen, dann als Franzose. Und er ließ sich von Danielle de Bie und Kristyan Geyr gleich dreimal zur Situation der Bread & Butter interviewen. Möglicherweise ist Karl-Heinz Müller aber einfach nur ein unglaublich cleverer Marketingmann, der weiß, dass Unberechenbarkeit und ein bisschen Verrückheit zu den geschätzten Charaktereigenschaften seiner Branche gehören.

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