Zeitung Heute : Brechts Bühnenbauer

CHRISTOPH FUNKE

Eine Caspar-Neher-Ausstellungim Foyer des Berliner EnsemblesCHRISTOPH FUNKEIm neunten Jahr seiner Emigration aus Deutschland, 1941, schrieb Brecht eine "Verlustliste", abgebrochene Kontakte mit Menschen beklagend, die ihm vor dem Ausbruch der Nazi-Diktatur nahestanden und seiner künstlerischen Arbeit förderlich waren.Am Ende dieser Liste vermerkte der Dichter: "Könnte ich doch wenigstens ihn streichen von dieser Liste" - ihn, Caspar Neher.Die Freundschaft Brechts mit dem Maler und Bühnenbauer wurde nach Brechts Rückkehr aus den USA wieder aufgenommen, sie währte ein Leben lang und blieb dennoch nicht unbeeinflußt von den politischen Konflikten dieses Jahrhunderts.Bühnenbauer - diesen Ehrentitel vergab der Dramatiker an den Freund, weil der sich über den nazistischen Begriff "Bühnenbild" beschwert hatte und vehement in Abrede stellte, mit "realistischen Bühnenbildern" irgend etwas zu tun zu haben.Brecht konnte sich sein Theater ohne die "Bilder" Caspar Nehers nicht vorstellen, und er bezeichnete ihn denn auch ohne Umschweife als "den größten Bühnenbauer unserer Zeit." Das Berliner Ensemble ehrt ihn zum 100.Geburtstag durch eine von Bärbel Jaksch und Anne Guckeisen verantwortete Ausstellung, die sich ganz auf die Zusammenarbeit mit Brecht bezieht.Zitate aus Briefen und Tagebüchern, im Treppenaufgang zum Rangfoyer, führen zur Ausstellung hin, die mit zwei winzigen Fotos beginnt: den Paßbildern Brechts und Nehers aus ihren Betriebsausweisen für das Berliner Ensemble.Dann folgen Fotos und Reproduktionen zu Arbeiten Nehers für "Puntila", "Hofmeister", "Die Mutter", "Leben des Galilei", darunter so gut wie vollständige Dokumentationen, die in Mappen geordnet sind.Unter den Entwürfen ein vierarmiger Puntila (erste BE-Aufführung von 1949), dessen fröhlich rücksichtslose, besitzergreifende Geste auf der Szene nicht verwirklicht werden konnte.Höhepunkte der Ausstellung sind neben den berühmten Bühnen-Modellen zu den klassischen BE-Aufführungen (Mutter, Puntila, Hofmeister, Galilei) auf Glas gemalte Projektionen, die im Berliner Ensemble bewahrt wurden - und Originalentwürfe (Leihgaben aus dem Österreichischen Theatermuseum Wien).Diese Skizzen von betörender Schönheit weisen Neher als einen Theaterschöpfer aus, der für dramatische Texte Räume fand, Landschaften für die Spieler entwarf.Neher gab Anregungen für Bewegungsabläufe, erfaßte soziale Hintergründe, betonte im "Bild" das Zerklüftete der Texte von Brecht.Er war gegen Harmonie, gab den Figuren schon auf dem Zeichenblatt nicht nur Kostüm, sondern unverwechselbaren Charakter, Vitalität, sinnliche Fülle - und ermöglichte doch zugleich Versuche, Veriationen, schöpferisches Weiterdenken. Berliner Ensemble, bis 25.Januar.Offen eine Stunden vor Beginn der Vorstellung und sonntags ab 11 Uhr.

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