Zeitung Heute : Bremen: Die Schöne am Ufer der Weser

Franz Lerchenmüller

"Ei was, du Rotkopf", sagte der Esel, "zieh lieber mit uns fort, wir gehen nach Bremen, etwas Besseres als den Tod findest du überall; du hast eine gute Stimme, und wenn wir zusammen musizieren, so muss es eine Art haben." Natürlich schloss sich der Hahn dem Esel, dem Hund und der Katze an. Denn Bremen, das war für die Bauern des Weserberglandes, bei denen die Brüder Grimm das Märchen von den "Bremer Stadtmusikanten" aufschnappten, der Sündenpfuhl, die Glitzerwelt, der Ort des Großen Geldes. Und seitdem ist die Stadt an der Weser untrennbar mit dieser Erzählung verknüpft.

Ganz zu Unrecht eigentlich. Denn dem Bremen-Besucher von heute drängt sich eine ganz andere Geschichte auf: Es war einmal eine vielumschwärmte, schöne Dame, die eines Tages feststellen musste, dass ihre Verehrer wegblieben. Entschlossen rief sie die Zauberer bei Hofe zusammen, "Trendberater" genannt. Die wussten auch sogleich, woran es mangelte: Schönheit? Geschenkt! Pep muss eine Dame heute haben. Flair muss sie ausstrahlen. Als flotter Feger, jawohl, sollte sie daherkommen. Flugs verordneten sie ihr einen Jungbrunnen namens "Facelifting" und einen Zauberspruch, der lautete: "Klotzen statt Kleckern!" Die Geschwister der Verschmähten schoben sieben Milliarden Taler herüber und knurrten "Länderfinanzausgleich". Und sie begann sich unübersehbar teuer aufzuputzen. In Bahnhofsnähe leistete sich Bremen für 45 Millionen Mark ein Musicalgebäude. Seit Februar vergangenen Jahres geistert nun Dr. Jekyll alias Mister Hyde "erotisch - dramatisch - mystisch" acht Mal pro Woche durchs neblige London. Und 400 000 Besucherinnen und Besucher litten schon mit dem singenden Gentleman-Monster.

In der Innenstadt überwölben luftige Hallen aus Stahl und Glas einige Ladenzeilen, Lloyd-Passage oder Katharinen-Passage heißen sie, es wird munter parliert und trocken flaniert, während draußen der Bremer Niesel Mäntel und Haare überzieht wie ein feines Gespinst, und zwischen Schuhläden und Kaffeeausschank herrscht ein Leben, das man beinahe quirlig nennen könnte, schiene einem dieser Begriff auf hanseatisch kühlem Boden nicht grundsätzlich fehl am Platz.

Ganz neu umgestaltet wurde die Schlachte, die Uferpromenade an der Weser. Bänke zieren den breiten, gepflasterten Weg, eine Kette geglückter neuer Backsteinblocks säumt das jenseitige Ufer des Teerhofs, graue Brücken führen zu Pontons. Hier liegen Restaurantschiffe vor Anker, Ausflugsdampfer legen ab und die Pächter der mexikanischen, bayerischen und japanischen Restaurants stellen Tische unter die jungen Bäume, wo jetzt noch ein farbenprächtiger alter Kiosk vor sich hindämmert. Akrobaten und Piraten über die Pier toben, Licht- und Klangspiele wollen die Passanten betören, Einheimische und Auswärtige dürfen "maritime Erlebniswelt" spielen. Schließlich ist "Stadt am Fluss" ein Projekt der Expo 2000, das "auch anderen Städten Wege zur funktionalen Erneuerung ihrer Wasserkanten aufzeigen soll". Ein Exempel für die Nachbarn - darunter macht Bremen es mittlerweile nicht mehr.

Die Gute hat sich aufgehübscht, kein Zweifel. Und sie hat noch weit Größeres im Sinn. Wie eine leicht geöffnete Muschel klafft das Wissenschaftsmuseum, nein: "Science Reality Center Universum" aus einem See im Universitätsgelände klaffen. Auf 4000 Quadratmeter Ausstellungsfläche können Kluge und solche, die es werden wollen durch das menschliche Gehirn bummeln, per U-Boot durch Adern rauschen und an Simulatoren in Zukunftsvisionen aller Art schwelgen.

Im Rhododendronpark am neuen "Rhodarium" animiert der Erdball zum Betreten, und in einem Komplex von Gewächshäusern warten indonesische Regenwälder, nepalesische Himalaya-Schluchten und tibetische Bergwiesen auf Besucher. Alle Rhododendronsorten dieser Welt sollen dort versammelt sein: Alle - nicht weniger.

Auch in die Luft gehen die Planer von der Weser. Auf dem ehemaligen Gelände der Weser-Werft, 26 Hektar groß, siedelt sich der "Space Park" an, der 2001 eröffnet werden soll. Super-Kino, Super-Mars-Base, Super-Orbitkapseln, Super-Food und Super-Kaufhäuser für rund eine Milliarde Mark - Madame weiß, was sie sich und ihren Bewunderern schuldig ist.

Doch trotz des Rundum-Erneuerungsprogramms hat der Besucher auch Muße, sich den durchaus vorhandenen traditionellen Reizen der Schönen zu widmen. Er kann am Abend in aller Ruhe im Bistro am Markt süffige Biere trinken und durch die Scheiben den wunderschönen Platz studieren. Da ist das Rathaus mit seinen Torbögen und Friesen, seinem grünen Kupferdach und den feinen Ziergiebeln. Direkt gegenüber das auftrumpfende Renaissanceportal des Schütting, des Hauses der Kaufmannschaft, dazwischen ragen die beiden Türme des St.-Petri-Doms schwarz-grün und arg verwittert in den Nachthimmel. Wie intim sich die Gebäude um den Platz scharen! Nicht putzig, aber übersichtlich. Keineswegs niedlich, nur richtig proportioniert. Und über allem liegt ein grünes, fast unwirkliches Licht. Der baumlange Kerl aber, der seit 1404 ein bisschen unbedarft in die Ferne starrt, - "lächelt", behaupten unverbesserliche Lokalpatrioten - , das ist der berühmte Roland, das Symbol der Stadtfreiheit. Einen "ausgedehnten läppischen Kerl" hieß ihn Gottlieb Stolle 1703. Wahrhaftig.

Nur ein paar Meter weiter liegt unter dem Bronzerelief eines schwertschwingenden Drachentöters der Eingang in die Böttcherstraße: Ein Ensemble aus sieben großen, ganz unterschiedlich gestalteten Backsteinhäusern, mit dem sich Ludwig Roselius ein Baudenkmal setzte, der Mann, der mit koffeinfreiem Kaffee ein Vermögen machte. Doch was in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts eine architektonische Provokation war, gehört heute längst zum Kulturinventar der Stadt. "Genialisch gedellte und gebeutelte Fassaden" (Hans Markus Thomsen) erstrecken sich da, am Haus des Glockenspiels klingt ebendies, aus Meißner Porzellan gebrannt, im Hof der Handwerker plätschert der Brunnen der sieben Faulen und in den Fenstern liegt Bremer Tee und maritimer Schnickschnack. Aber trotz allen architektonischen Wagemuts strahlt die Straße eine steife Würde aus. Der Besucher wandelt durch ein auf Edel getrimmtes, hundert Meter langes Backsteinmonument.

Touristenmagnet Schnoor

Weniger gestelzt gibt sich der Schnoor. Natürlich haben hier schon einige Millionen Touristen das Pflaster abgewetzt. Trotzdem hat sich das ehemalige Gängeviertel mit seinen kleinen Häusern einen gewissen Charme bewahrt. Er geht, erstaunlich genug, von den unterschiedlichen Geschäften und Lokalen aus. In der "Perlerie" etwa lagert alles, was sich irgendwie kugel- oder quaderförmig schleifen, gießen oder schnitzen ließ. Bei "Weihnachts-Träume" glitzern rote Kugeln und schimmern die Wattebärte der Plastik-Nikoläuse - auch, wenn draußen die Augustsonne niederbrennt. Die "Oase" platzt schier vor Kindertrommeln, Reklameschildern und Blechdosen aller Art, und die Tapas im "Aioli" lassen das "Kleine Speiseangebot" im vielgerühmten Ratskeller schnell vergessen - der im übrigen trotz aller überdimensionierten Schmuckfässer an einen Bahnhofsimbiss erinnert.

Bleibt schließlich noch das aparteste Kleinod der Lady Bremen: das Überseemuseum, mit seinen Auslegerbooten, Palmhütten und dem japanischen Garten im Lichthof. Gleich rechts vom Eingang die Südsee beispielsweise: Schillernde Paradiesvögel hinter Glas, eine Fotoserie über die Produktion von Sago, Knochendolchen und Obsidianmesser, ein Diorama, in dem kleine braune Menschen einen Maskentanz aufführen, sowie die Ausstattung einer heutigen Küche in Polynesien - es ist eine höchst ungewöhnliche Mischung aus klassischem Kuriositätenkabinett und Versuchen zeitgemäßer Wissensvermittlung.

Im obersten Stock ist Bremen selbst zu Hause. Ein Schiffsrumpf, an dem die Schweißer gerade ihre Schutzbrillen weggelegt zu haben scheinen, erinnert an die große Zeit der Werften, Container und Holzlager stehen für den Hafen, eine Kleinrösterei für die Kaffeeproduktion, die nachgebaute Kabine der ersten "Europa" für die große Zeit der Überseekreuzer. Im Kolonialwarenladen stapeln sich all die Waren, die Bremen groß gemacht haben: Tee und Fischstäbchen, Schokolade und Bier, Gewürze und Hundefutter. Und im Kontor sitzt Zigarrendreher Ludwig Schmidt höchstpersönlich bei der Arbeit, ein lebendes Denkmal an die Zeit zu Beginn des 19. Jahrhunderts, als Bremen die führende Tabakindustriestadt war.

Die Dame hat sich übrigens einen Ableger des Originals gegönnt. In den Vitrinen des Übermaxx präsentiert das Museum sein Magazin der Öffentlichkeit: Säbel am laufenden Meter, Hüte über Hüte, Masken die Menge, allein 250 Schnupftabakdosen aus Afrika lagern hier, und 160 Schiffsmodelle aus Asien und Ozeanien. Der Begriff "Museumsschätze" bekommt plötzlich einen neuen Inhalt, und das Wort "Ausplünderung" auch. Alle die Vogelbälger, die Schwanzlurche, Armmolche, Engmaulfrösche, die vielen "Thiere in Spritus", mit denen Nicolaus Meyer 1803 Goethe einen Besuch in Bremen schmackhaft machen wollte, schweigen beredt nur von einem: dem Begehren der damaligen Forscher, sich die Welt untertan zu machen. Alles erfasst. Endlich kann nichts mehr wegkriechen, wegspringen, wegfliegen! An rund 30 000 Objekten zieht der Besucher vorbei und ihm kommt am Ende eigentlich nur ein Gedanke: Gebt das Zeug doch dahin zurück, wo es hingehört! Wie erschlagen taumelt der Betrachter schließlich zwischen den Reihen der Glaskästen hervor und wankt hinunter ins Foyer, die Kassenhalle des Cinemaxx-Kinokomplexes - noch eine dieser neuen Errungenschaften. An der Weser, kein Zweifel, hat der zweite Frühling begonnen. Und siehe da, es klappt! Plötzlich geben sich die Galane die Klinke wieder in die Hand und hüpfen in die frischbezogenen Betten: mehr als eine Million Mal im vergangenen Jahr, öfter als je zuvor. Und also passt das Märchen von der schönen Dame, die in den Jungbrunnen stieg, heute einfach besser zu der Freien Hansestadt. Zumal die Stadtmusikanten, nicht wahr, es bekanntlicherweise gar nicht bis Bremen geschafft haben.

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