Zeitung Heute : Brennendes Leiden

DEUTSCHE OPER Marco Arturo Marelli beleuchtet in Verdis „Don Carlos“ die unheilvolle Macht der Kirche

UWE FRIEDRICH

Seit vielen Jahren arbeitet Marco Arturo Marelli mit seiner Ehefrau Dagmar Niefind-Marelli zusammen. Er ist für das Bühnenbild und die Inszenierung zuständig, sie für die Kostüme. Allzu harmonisch dürfen wir uns den künstlerischen Prozess aber wohl nicht vorstellen. Heftige Diskussionen gebe es zwischen den beiden, man sei sich durchaus nicht immer einig, erzählt er: „Meine Frau fordert mich deutlich auf, nochmals gründlich über meinen Entwurf nachzudenken, wenn sie nicht zufrieden ist. Meistens sehe ich das aber schon selber.“

Als erstes mussten sich Dirigent Donald Runnicles und Marco Arturo Marelli jedoch für eine der fünf verschiedenen Fassungen von Giuseppe Verdis Oper nach Schillers „Don Carlos“ entscheiden. Immer wieder hat der Komponist sein Werk überarbeitet. Vor allem fehlt in der italienischen Fassung, die Marco Arturo Marelli nun an der Deutschen Oper inszeniert, ein kompletter Akt. „Es ist sehr schwer zu beurteilen, welche Version Verdi am liebsten war. In einem Brief schrieb er jedoch, dass das Drama in der verkürzten Fassung am besten wirkt“, betont Marelli in der Diskussion um die psychologische Tiefe der Personen. „Ich habe beide Versionen bereits inszeniert, und es sind vollkommen verschiedene Stücke. In der kurzen Fassung, die wir machen, überwiegt das Familiendrama. Das Politische bleibt aber wichtig. Hier geht es um das Zerbrechen der Liebe und um die Unmöglichkeit des eigenen Glücks, der eigenen politischen Freiheit unter dem Machtapparat der Kirche.“

In keinem anderen Werk übt Verdi so rückhaltlose Kritik am Klerus, und doch herrscht gleichzeitig eine große Sehnsucht nach Transzendenz, eine Hoffnung auf eine bessere Welt, die trotz allem möglich sein soll. Themen, die im 19. Jahrhundert in der Kunst thematisiert werden und noch heute viele Menschen bewegen, meint Marelli. „Wir haben keine andere Wahl, als die Oper für die heute lebenden Menschen zu spielen. Schon in 20 Jahren werden unsere Nachfolger das ganz anders machen. Die Unverschämtheit König Philipps gegenüber dem Großinquisitor ist schockierend. Er erwartet tatsächlich die Absolution für den Mord an seinem eigenen Sohn. Das war in der Uraufführung skandalös und ist es im Grunde noch heute.“

In jeder seiner späten Opern hat Giuseppe Verdi eine neue, ganz charakteristische Klangwelt entworfen. Er selber sprach von der klanglichen Färbung, die Marelli als bleigrau beschreiben würde mit einem Hang zu Messing und Bronze. „Das ist ein finsteres, verbranntes Stück. Da wurden Menschen verbrannt. Die Glut des Leidens in dieser Musik ist in einem verbrannten Raum am besten aufgehoben.“

Die Anregung für sein Bühnenbild fand Marelli im spanischen Kloster El Escorial. Dessen strenge Architektur zitiert den Feuerrost, auf dem der heilige Laurentius verbrannt wurde. Der Grundriss besteht also aus Kreuzen. „Ich habe einen durchschnittenen Kubus entworfen. Einen Ort des Rückzugs und der Vereinsamung, der Ausweglosigkeit. Ein Gefängnis.“ Dabei versteht sich Marelli als ein Vermittler des Stücks. Er will das Publikum direkt ansprechen, sowohl emotional als auch intellektuell. Ganz bewusst sucht er dabei die Poesie des Theaters, will fantastische Räume öffnen, um die Imagination der Zuschauer anzuregen. „Die Oper ist eben keine realistische Kunst. Und dass es sich um Kulissen, Sperrholz, Gips und Pappmaschee handelt, weiß sowieso jeder im Zuschauerraum, das muss ich nicht noch mal zeigen“, sagt er lachend.

Gerade weil Marco Arturo Marelli die Mittel des Theaters nicht demonstrativ zerstört, sondern auf die Kraft der Illusion setzt, kann er die politische Aussage der Oper überzeugend transportieren: „Das Skandalon ist in dieser Oper die katholische Kirche. Heute hat die Kirche vielleicht nicht mehr diese Macht, aber es gibt ganz sicher andere Institutionen, die ebenso einflussreich sind.“ UWE FRIEDRICH

Premiere 23.10., 18 Uhr

Vorstellungen 26.10., 18.30 Uhr, 29.10., 18 Uhr

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