Zeitung Heute : Briefe lesen

Von Elisabeth Binder

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IMMER WIEDER SONNTAGS

Foto: Pavel Sticha

Wenn ich Tagebücher berühmter Menschen lese, finde ich es immer komisch, was für eine riesige Rolle kleinere gesundheitliche Probleme spielen. Klar, keiner kann immer nur große Gedanken haben. Aber wenn man schon Gefahr läuft, dass das Geschriebene die Nachwelt erreicht, sind dann Kopfweh am Morgen und Magengrimmen am Abend wirklich so wichtig? Vielleicht – weil sie das Kleine im Großen erkennbar werden lassen, weil sie die Brücke schlagen zu jedermann.

Kürzlich habe ich in einem Archiv gesessen und mich in alten Schriftstellerkorrespondenzen verloren. In Briefen geht es ja nur in Ausnahmefällen um Gesundheitliches. Obwohl mir auffiel, dass gebildete Männer eine Grippe in wenigen Zeilen klingen lassen können, als handele es sich um die schwarze Pest höchstselbst, die sie aufs Lager geschmissen hat. Hier erweist sich wahre Könnerschaft: Wenn es dem Absender gelingt, jeglichen Anschein von Selbstmitleid fern zu halten und seine geistige Kondition als von edler Tapferkeit getragen darzustellen. (Frauen, auch Dichterinnen von großem Ruhm, können in dieser Disziplin nicht in gleicher Weise mithalten, wahrscheinlich weil sie sich zu schnell lächerlich oder wehleidig vorkommen.)

Das war’s aber nicht, was mir am meisten zu denken gab. Immer wieder ging es um Bekundungen, wie gern man sich sehen wolle, wann man sich eventuell sehen könne und warum es dann doch nicht klappen könne, würde oder geklappt hat. Das Leben – ein einziger guter Vorsatz, der nie wahr gemacht wird. So viele gute Gespräche verpasst, so viele Stunden, in denen Freundschaften hätten vertieft, neue Ideen hätten entwickelt werden können. Schreiben ist ein einsamer Job, der eine Menge Selbstdisziplin verlangt. Ein Künstler hat halt keinen netten Boss, der ihm sagt, dass er ruhig mal frei machen kann. Nur die ewig nagenden Worte im Hintergrund, die flüstern „Schreib mich, schreib mich…“

Wahrscheinlich liegt es daran, dass die für Verabredungen übrig bleibenden Stunden so geizig dosiert werden. Man findet aber immerhin Zeit für Ersatzhandlungen, zum Beispiel für Briefe über sehr gewünschte, aber dann doch aus lauter vernünftigen oder auch nur entsagungsvollen Gründen nicht getroffene Verabredungen. So wie ein Hungriger ja auch immer vom Essen reden muss, so wie ein armes Kind sich fiebrig ein Märchenland ausmalt mit lauter schönen Kleidern drin.

Heute ist Sonntag, der Tag, die eigenen Vorteile zu zelebrieren. Der Tag also für alle, die mit ihrer Zeit nicht geizen müssen, zum Beispiel weil sie einen regulären Beruf haben, der ihnen an freien Tagen auch wirklich gewissensbissfreie Freiräume schenkt. Heute ist der Tag, eine Liste zu starten mit allen Menschen, die man schon längst mal wieder sehen wollte, mit denen man sich tausend Verabredungen vorgenommen hat, von denen keine je die Chance bekam, zu einem festen Termin zu werden. An den kommenden Sonntagen kann man diese Liste dann nach und nach abarbeiten.

Zurück in das Archiv, in dem ich mich mit Lektüre verbummelt habe. Es hat etwas Trauriges, über all die nie zustande gekommenen Treffen von Leuten zu lesen, die längst tot sind. Oder eben etwas sehr Aufforderndes.

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