Britisches Design : Mulberry steht auf hausgemacht

In Großbritannien ist Mulberry so etwas wie eine nationale Angelegenheit. Inzwischen ist die Marke das größte heimisch produzierende Luxusunternehmen

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Handwerk mit Herkunft. Das Leder kommt aus Italien, die Näherin aus Großbritannien.
Handwerk mit Herkunft. Das Leder kommt aus Italien, die Näherin aus Großbritannien.Fotos: promo

Die britische Taschenmarke Mulberry hat in den letzten Jahren ausprobiert, wie weit sie sich von der Heimat entfernen kann. Unter ihrem neuen französischen Chef Bruno Guillon, der 2012 von Hermès kam, lautete die Direktive: mit teuren Produkten für den internationalen und vor allem asiatischen Markt luxuriöser werden, wie Prada oder Gucci.

Dabei war man bei Mulberry immer bodenständig gewesen. Immerhin hatte der Gründer Roger Saul mit der Kollektion „Hunting, Shooting, Fishing“ schon 1975 den Durchbruch als begehrenswerte Marke geschafft. Mulberry zelebrierte den englischen Stil. „Roger hat immer versucht, das Landleben in die Großstadt zu bringen“, sagt Pressesprecherin Jo Allen.

Mulberry zeigt zurzeit gern seine Fabrik „The Rookery“ in Somerset

In Großbritannien ist Mulberry so etwas wie eine nationale Angelegenheit, der Heimatmarkt ist der wichtigste für das 1971 gegründete Unternehmen, auch weil sich viele die 500 Pfund für eine Tasche zusammensparen konnten. Das „Made in England“ und die vergleichsweise hohe Qualität taten ein Übriges. Deshalb wurde das Geschäftsgebaren von Guillon argwöhnisch beäugt, steigende Preise und vermehrte Produktion in China und der Türkei kommentierten die großen Zeitungen ausgiebig.

Die Strategie ging nicht auf: Die Umsätze fielen, vor vier Monaten wurde Bruno Guillon vor die Tür gesetzt. Jetzt ist wieder sein Vorgänger Godfrey Davis am Ruder. Er kündigte umgehend neue, günstigere Modelle und den Ausbau der heimischen Produktion an.

Es ist also kein Wunder, dass Mulberry Journalisten zurzeit gern seine Fabrik „The Rookery“ in Chilcomton in Somerset zeigt. Von Bath aus fährt man durch sanfte Hügel und Wiesen, umsäumt von Hecken. Nur die Supermärkte am Ortsausgang erinnern daran, dass nicht gleich Mädchen in Musselinkleidern aus einem Roman von Jane Austen vorbeispazieren.

Godfrey Davis versucht, die „Britishness“ und die dazugehörigen Kunden zurückzugewinnen. Deshalb hat Mulberry eine eigene neue Fabrik ganz in der Nähe von „The Rookery“ gebaut. Jetzt können sie wieder rund 50 Prozent ihrer Taschen in England fertigen. Das Band vor den Toren von „The Willow“ hat der englische Vize-Premierminister Nick Clegg Anfang 2014 zerschnitten. Clegg ließ verlauten: „Firmen wie Mulberry stärken die heimische Wirtschaft und helfen dabei, eine gerechtere Gesellschaft für die nächste Generation aufzubauen.“

Es braucht viele Arbeitsschritte, bis eine Tasche in "The Rookery" fertig ist.
Es braucht viele Arbeitsschritte, bis eine Tasche in "The Rookery" fertig ist.Foto: promo

Der Gründer Roger Saul lebt ein paar Hügel von der Fabrik entfernt

Für eine Firma, die gerade mal 300 neue Arbeitsplätze geschaffen hat, ist das schon ein ordentliches Schulterklopfen. Aber da Mulberry in Großbritannien inzwischen das größte heimisch produzierende Luxusunternehmen ist, bekommen sie eben die ganze Aufmerksamkeit der Politik.

Auch mit den Fachkräften sieht es auf der britischen Insel inzwischen mau aus. Gerade hat die Schuhmarke Clarks in der Nähe eine Fabrik geschlossen. Mulberry übernahm einen Großteil der Facharbeiter für die neue Produktion – viel mehr ist jetzt nicht mehr auf dem britischen Markt zu haben.

2006 waren mehr als die Hälfte aller Mitarbeiter in „The Rookery“ über 50 Jahre alt. Deshalb hat sich Mulberry ein neues Ausbildungssystem ausgedacht. In der großen Produktionshalle gibt es für neue Mitarbeiter eine Art Testfläche, auf der sie erst einmal die einzelnen Arbeitsschritte üben können, ohne die Quote ihrer Kollegen zu versauen. In „The Rookery“ arbeiten viele freundlich lächelnde junge Leute, alle in Mulberry-Polohemden, viele mit Tätowierungen, die sie wie Klischeebeispiele der britischen Arbeiterklasse aussehen lassen.

Seit 1989 existiert die Fabrik, eröffnet von Roger Saul, der heute nur ein paar Hügel entfernt lebt und ökologisch korrekten Dinkel anbaut. Fast von Anfang an arbeitete Nick Speed in „The Rookery“. Heute ist er Produktionsmanager, und auch er trägt ein schwarzes Polohemd mit einem gestickten Maulbeerbaum, der der Firma den Namen gibt. Er führt kreuz und quer durch das Gebäude und geht dabei den Produktionsweg ab, den auch die Taschen nehmen.

In einer Woche werden rund 1300 Taschen hergestellt

In der ersten Etage sitzt die Entwicklungsabteilung. Hier werden aus den Skizzen und technischen Zeichnungen der Designer realisierbare Modelle gemacht. Die Mitarbeiter kalkulieren das Material und die Arbeitsstunden, bis schließlich vier bis fünf Taschen für die Showrooms ausgeliefert werden. Im Materiallager liegen Lederhäute übereinandergestapelt, die meisten kommen aus Italien. „Aus einer Haut versuchen wir eine Tasche zu machen“, sagt Speed. Letzte Woche gingen 1300 Taschen vom Band.

Nick Speed ist stolz auf seine Mitarbeiter, die in langen Reihen schleifen, kleben und nähen, bis aus vielen Einzelteilen eine Tasche geworden ist. „Viele Frauen wollen Taschen haben, die hier gemacht wurden“, sagt er. Auch wenn die Produktion neu gegliedert wurde und jetzt neun verschiedene Modelle gleichzeitig gefertigt werden, sind die Kapazitäten limitiert – hier laufen nur die hochpreisigen Taschen übers Band. Nick Speed zuckt mit den Schultern: „Wir machen kein Geheimnis daraus, dass wir in China produzieren. Aber langfristig wollen wir alles nach England holen.“

Bis dahin muss Mulberry versuchen, die Lücke zwischen realisierbarem und unerschwinglichem Luxus zu schließen, die die Firma selbst gerissen hat. Die heimische Produktion soll dabei helfen, die Glaubwürdigkeit der Marke zurückzuholen.

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