BRITPOPOasis : Großmäuler von Format

Jörg W,er

Mitte der Neunziger hätte man Oasis erfinden müssen, wären sie nicht bereits 1991 in Manchester zusammengekommen. Sicher, musikalisch wäre man auch ohne die Gallagher-Brüder ausgekommen: Die Britpop-Welle spülte jede Menge klasse Bands auf die Titelseiten des New Musical Express, deren beste – Blur, Pulp, Supergrass, Suede – die Pop-Vormachtstellung des Vereinigten Königreiches auf Jahre gesichert hätten. Was allerdings fehlte, waren Großmäuler von Format.

Ein Damon Albarn hätte nie angedeutet, Blur wären so gut wie die von ihm verehrten Kinks. Oder gar: besser! Nur ein begnadetes Proll-Genie wie Noel Gallagher dagegen stellt sich breitbeinig hin und behauptet ohne Anflug von Ironie, Oasis seien größer als – natürlich – die Beatles. Von den ganzen Kriechern um sie herum, Blur eingeschlossen, erst gar nicht zu reden. Tatsächlich rechtfertigten Oasis ihre Selbstüberschätzung mit zwei perfekten Platten, von deren Ruhm sie noch heute zehren. Man braucht Fans gar nicht damit zu kommen, dass ihre Helden nach „(What’s the Story) Morning Glory?“ nichts Gescheites mehr zustande gebracht haben: Sie werden sich noch in 20 Jahren glückselig zu „Live Forever“ oder „Cigarettes & Alcohol“ in den Armen liegen. Und jetzt haben Oasis mit „Dig out your Soul“ endlich mal wieder ein Album rausgebracht, das nicht nur aus stumpfen Kopien einstiger Großtaten besteht. Sondern auf dem sie sogar über ihren Tellerrand hinausschauen und, beispielsweise, die Reize rheinischer Kraut-Elektroniker entdecken. Zwar gut zehn Jahre später als Blur, aber die waren eben auch nie größer als die Beatles. Jörg Wunder

Arena Berlin, So 18.1., 20 Uhr, 40 € BZ618

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