Zeitung Heute : Brot, das von Lastwagen fällt

Sie liefern O-Saft und Chips – Dinge, die hier keiner braucht. Die Hilfe für die Erdbebenopfer in Pakistan ist chaotisch

Sven Recker[Balakot]

Vielleicht muss man so beginnen: ganz nüchtern, sachlich, ruhig. Balakot also, früher einmal eine Stadt von 60000 Einwohnern, rund 150 Kilometer nördlich der pakistanischen Hauptstadt Islamabad. Balakot also ist heute ein Trümmerhaufen. 25000 bis 30000 Menschen tot, wie viele verletzt sind, weiß keiner. Balakot, ein einziger Friedhof. Vielleicht sogar ein Friedhof der Vernunft.

Zugegeben, es fällt nicht leicht, vernünftig zu bleiben, wenn es nach Leichen stinkt, wenn Wolken von Staub die Luft zum Atmen nehmen, wenn in den Ohren das Rotieren der Hubschrauberblätter vibriert, wenn Menschen unter Trümmern nach Leichen suchen, wenn immer noch Verletzte, Tote auf Bahren davongetragen werden, wenn Überlebende mit starrem Blick auf den Resten ihrer Häuser sitzen oder mit nichts als einem Koffer in der Hand versuchen zu fliehen und nur noch eines im Kopf haben: nichts wie weg.

Das Weggehen, in Balakot erscheint es einem als natürlicher Reflex. Das Gegenteil ist der Fall. Nach Balakot strömen jetzt Menschen und Güter. Lastwagen, in der Hektik der vergangenen Tage von pakistanischen Studenten, Lehrern oder sonstigen Gruppen mit allem beladen, was nicht gebraucht wird. Mit Orangensaft, Kartoffelchips, Tüchern und immer wieder Altkleidern. Altkleider und noch mal Altkleider. Auf den Bürgersteigen von Balakot stapeln sich die Stoffe, und mit jedem Lastwagen werden es mehr, platt getrampelt von der Menge, die in die Stadt drängt – Bewohner von Tälern und Orten, die nicht vom Erdbeben betroffen sind. Sie kommen, weil sie wissen, dass es hier etwas gibt, weil sie wissen, dass bereits während der Fahrt Dinge von den bunten Lastwagen geworfen werden, die nur darauf warten aufgefangen zu werden. Und seien es Kartoffelchips. Karneval der Katastrophe.

Die Verteilung im Zentrum von Balakot funktioniert später dann ganz ähnlich. Der Transporter hält, Helfer werfen, die Stärksten fangen, der Rest nimmt, was übrig bleibt. Mittendrin in diesem Gemisch aus Gebrüll, Gestank und Staub steht ein Mann und weint: „Ist das Pakistan. Ich kann es nicht glauben.“

Ja, das hier ist Pakistan. Ein Land nur wenige Tage nach einer Katastrophe – und nur wenige Stunden nach dem jüngsten Nachbeben, dem stärksten seit dem großen vom 8. Oktober. Am frühen Mittwochmorgen hat die Erde in der Umgebung der Stadt Muzaffarabad mit einer Stärke von 5,8 gebebt. Und nicht einmal eine Stunde später folgte ein Beben der Stärke 5,6. Es gab wieder Erdrutsche, so viel weiß man schon, das heißt: wieder Häuser verschüttet, wieder Menschen verschüttet und noch mehr Straßen, über die die Helfer nicht weiterkommen.

Die logistischen Herausforderungen seien bei noch keiner Aktion dieser Art so groß gewesen, heißt es aus dem UN-Koordinationsbüro für humanitäre Angelegenheiten am Mittwoch in Genf. Auch unter den Helfern mache sich Verzweiflung breit. Die Zahl der Obdachlosen wird auf 2,8 bis 3,2 Millionen geschätzt. Unicef geht davon aus, dass allein 32000 Kinder tot, 42000 verletzt und bis zu 250000 ohne jeden Beistand sind. Die Behörden befürchten nun, dass als Nächstes die Menschenhändler kommen.

Balakot ist nur ein Beispiel mehr dafür, wozu Hilfe auf eigene Faust, wozu Hilfe ohne Koordination führt: zu Chaos. Die Schuldfrage ist so schnell geklärt, wie ein Stück Brot vom Lastwagen fällt. „Der Staat kümmert sich um nichts“, sagen die Bewohner von Balakot. Auch das ein globaler Reflex kurz nach einem Unglück. Keine Frage, die Kontrollmechanismen des Staates greifen in Balakot nicht. Noch nicht. Angesichts der Ausmaße dieses Erdbebens, angesichts von knapp vier Millionen betroffenen Menschen ist das aber auch nicht weiter verwunderlich. Das Erdbeben von Pakistan stellt ungleich höhere organisatorische und logistische Herausforderungen als etwa der Tsunami. An alle: den Staat, die Vereinten Nationen, die Hilfsorganisationen.

So dramatisch das Erdbeben in Balakot auch war – die Stadt ist immerhin erreichbar. Tausende von Gebirgsdörfern hingegen wurden bis heute nicht versorgt, geschweige denn aufgesucht – ein Fünftel der am schwersten betroffenen Gebiete ist vom Rest des Landes immer noch abgeschnitten. Schon vor dem Beben waren viele von ihnen nur mit Hilfe von Maultieren zu erreichen. Doch selbst das fällt nun schwer. Die Wege existieren nicht mehr, die gesamte Landschaft hat sich verändert. Quellen sind versiegt, andere haben sich an neuer Stelle aufgetan. Der Luftweg ist meist die einzige Möglichkeit, die Opfer zu suchen, aber es gibt zu wenige Hubschrauber. Dann werden die Flüge im Norden immer wieder durch schwere Gewitter unterbrochen. Und die Situation wird sich nicht verbessern, wenn in drei Wochen der Winter über die Gebirgszüge hereinbricht. Schon jetzt überzieht die Gebirgshänge in den Morgenstunden eine weiße Decke von Schnee.

„Zur Not essen wir auch Gras“, sagt ein Mann in Balakot, der zehn Familienmitglieder verloren hat, „aber was wir jetzt brauchen, sind Zelte und Decken.“ Das hört sich einfacher an als es ist. Aus Balakot fahren die Lkw immer noch ohne Plan mit ihren Gütern in die betroffenen Gebiete hinaus. Um solches Chaos zu verhindern, müssen die Opfer in den Tälern zuerst aufgesucht und erfasst werden. Ein Balanceakt zwischen schneller Hilfe einerseits und sinnvoller Hilfe andererseits. Ein Balanceakt, der wohl nur den großen Hilfsorganisationen in Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen gelingen wird.

Am Rand der Stadt Balakot arbeiten derweil die Räumtrupps an einer Öffnung der Straße Richtung Gebirge. In zwei, vielleicht drei Tagen, sagen die Arbeiter, werden die Dörfer hinter den Erdrutschwällen wieder erreichbar sein. Immerhin: ein erstes Zeichen der Hoffnung.

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