Zeitung Heute : Brot für’s Leben

Bei Deb Filler dreht sich alles ums Essen. Die Komikerin bäckt jüdisches Challa-Brot auf offener Bühne. Das Rezept hat sie vom Vater. Der war Bäcker und wäre im KZ fast verhungert.

Susanne Kippenberger

Er wäre gestorben für ein Stück Brot. Das hat er seiner Tochter oft erzählt, und so ist es tatsächlich gewesen: Fast wäre er gestorben für ein Stück Brot. Er hatte nur diese eine Kruste, die ihm aus dem Fenster im Lager gefallen war. Und hätten die anderen ihn nicht festgehalten, er wäre hinterhergesprungen. 25 Meter tief.

In Theresienstadt war das, kurz vor Ende des Kriegs; aus Auschwitz waren die Häftlinge auf einem Wochen langen Marsch hierher getrieben worden. Unterwegs, so hat er später seiner kleinen Tochter erzählt, hat er Gras gegessen. Ob er seinen eigenen Urin getrunken habe, hat sie ihn einmal gefragt. Ja, hat er gesagt. Der Schock sitzt noch immer in ihr.

Brot war sein Leben. Die Eltern von Sol Filler hatten in Galizien eine Bäckerei; er selber wollte eigentlich Elektroingenieur werden, aber dann sind die Nazis gekommen und im Ghetto hat er als Bäcker überlebt. 1942 wurde er nach Auschwitz verschleppt, dort hat er Kohle geschippt, seine Eltern wurden ermordet, seine Brüder, 72 Verwandte insgesamt. Sol und sein Bruder Ben wurden in Theresienstadt befreit. Von den Russen hat er sich damals Mehl geben lassen und mit deutschen Kriegsgefangenen und für sie Brot gebacken. Der russische Offizier, der jiddisch mit ihm sprach, konnte es nicht fassen: Deutsche?! „Ja,“ meinte Filler zu ihm: „Sie haben Hunger – wir haben Hunger – sie haben Hunger.“ „Eine ungeheure Geste der Versöhnung“, nennt die Tochter das, als sie die Geschichte des Vaters erzählt.

Es ist ihre Geschichte. Als Deb Filler geboren wurde, und geboren wurde sie in Auckland in des Vaters Bäckerei, war der Krieg schon neun Jahre vorbei und Tausende Kilometer entfernt: Nach vier Jahren im Lager für Displaced Persons in Landsberg war Sol nach Neuseeland ausgewandert. Aber für die heute 50-jährige Tochter hat der Holocaust nie aufgehört. „Angst“ heißt ein neuseeländischer Film über die Kinder von Holocaust-Überlebenden; Deb Filler ist eine der drei Hauptfiguren, alle drei Komiker. Zur Aufführung des Films beim Jüdischen Filmfestival letzten Sommer kam Filler mit ihrer Mutter nach Berlin.

Beim Gespräch im Schöneberger Café erzählt die Künstlerin von der „Geschichte der Juden“, ein Buch, das einen Ehrenplatz im Regal in Auckland hatte; das hat sie sich mit dem Vaterwieder und wieder angeschaut – wenn er Zeit hatte, als Bäcker stand er morgens um zwei auf und ging abends um acht ins Bett. Der Vater hatte ja keine sichtbaren Erinnerungen, keine Fotoalben, er hatte nur seine Geschichten, die ihn mit früher verbanden, und dieses Buch, in dem er seiner Tochter zeigte: So ähnlich sah das Haus aus, in dem wir lebten, siehst du diese Kappen, solche Kappen haben wir getragen, guck mal der Junge, der hat Ähnlichkeit mit meinem besten Freund. Aber am meisten fasziniert haben die beiden die Bilder vom Holocaust. Für den Vater war er ewige Gegenwart. Darum hat er die Töchter angetrieben, brav zu sein, bloß nicht aufzufallen: Wer in Auschwitz nicht gehorchte, wurde umgebracht. Was Deb erst recht zur Rebellin machte.

Dem Horror begegnet „die einzige neuseeländisch-jüdische Komikerin der Welt“, wie sie sich nennt, mit Humor. Es muss gelacht werden. Ohne seinen Humor, meinte der Vater, hätte er das KZ nicht überlebt. „Die erste Nacht in Auschwitz haben wir nur gelacht.“ Keine Geschichte des Vaters illustriert den jüdischen Witz für Deb Filler so plastisch wie diese: Als ihr Vater in Auschwitz eine rohe Kartoffel ergattert hatte, die ihm ein Kapo wegnehmen wollte, und er so hungrig war, dass er sich dran festklammerte, und der Kapo ihn blutig schlug, da lachte sich ein anderer Häftling kaputt. Empört fragte der Vater warum, der Mann meinte nur: Es hätte noch schlimmer kommen können. Wie denn, meinte Sol, er sei fast zu Tode geprügelt worden. Doch, meinte der Mann, es hätte noch schlimmer kommen können: „Ich hätte geschlagen werden können.“ Da hat auch Filler Senior gelacht.

Mit Wonne erzählt seine Tochter die tragikomischen Geschichten, voll Liebe und schwarzem Humor, auf der Bühne ebenso wie im Gespräch. „Punch Me in the Stomach“ nannte sie ihre One-Woman-Show über den Vater und ihre gemeinsame Reise nach Auschwitz, Bergen-Belsen und Theresienstadt. Da die Mutter darin kaum eine Rolle spielte, wollte die Performerin hinterher ein Stück schreiben über die Frauen der Familie, ihre Geschichte aus weiblicher Perspektive erzählen: aus der Küche heraus. Virtuos spielt Filler fast 30 Figuren in „Filler Up“ („Stopf sie voll“), jammert wie Tante Vippy, klagt wie Großmutter Friedel, ahmt ihren harten europäischen Akzent nach, bringt die Zuschauer zum Lachen, zum Weinen, zum Denken.

Ihre Stücke, geschrieben und inszeniert mit Kollegen, erzählen nicht die Geschichte der Familie Filler eins zu eins. Sie übertreibt, spitzt zu, schmückt aus. „Semi-true“ nennt die Künstlerin sie. „Mir geht’s um Wahrheit, nicht um Wirklichkeit.“ Allzu weit sind die beiden aber nicht voneinander entfernt. So hat sie zwar von der Großmutter keine Rezeptbox geerbt, aber doch die Erinnerung an ihre Speisen, ihre Schwarzwälder Kirschtorte, ihren Butterkuchen, ihren Heringssalat, den sie heute aus der Erinnerung nachkocht.

Fillers Mutter Ruth ist „eine Holocaust-Überlebende zweiter Klasse“, wie diese sich selber ironisch nennt: Ihrer Familie war es gelungen, vor den Nazis zu fliehen, von Hildesheim nach Neuseeland. Debbie ging gern zu den Großeltern, das Essen war dort ein großes Fest des (Über-)Lebens, man tafelte auf Tellern aus Hildesheim, erzählte Geschichten aus Europa und aß Wiener Schnitzel mit Kartoffelsalat. Gleich, erzählt sie beim Gespräch in Berlin, wird sie ins Einstein mit ihrer Mutter Mittag essen gehen: Wiener Schnitzel mit Kartoffelsalat.

„Wir haben von Essen geträumt, wir haben darüber geredet, Kochbücher waren bei uns ernsthafte Literatur“, erzählt die Künstlerin in „Filler Up“. In dem anderthalbstündigen Stück geht es vor allem ums Essen und das, was es aus einem macht, um Besessenheit in jeder Form, um Schlankheitswahn. Einmal spielt sie ihre Tante, wie sie echauffiert ins Haus kommt, sich Luft zuwedelt, und auf der Stelle nach etwas Kühlem verlangt. „Debbie dear, gib mir doch ein Stück kaltes Huhn.“

Auch in „Filler Up“, meint die Künstlerin, geht’s ums Überleben: des eigenen Ichs und der fremden Schmerzen, um den Kampf mit dem eigenen Körper. Krieg und Frieden: Den schließt sie am Ende mit der eigenen Fülle. Neun Pfund habe sie bei der Geburt gewogen, erzählt Deb Filler auf der Bühne, der ganze Stolz ihrer Mutter. Ein dickes Kind war ein starkes Kind. „Filler up!“

Den Rahmen für die Show bildet das Challa-Brot, das die Bäckerstochter auf der Bühne bäckt. Erst hat sie es mit Zimtteilchen versucht, aber das hat nicht funktioniert. „Ich brauchte eine Metapher.“ So knetet und schlägt sie nun den Teig, während sie ihre Geschichten erzählt, flicht den Hefezopf, der für sie Symbol der familiären Verbindungen ist, ein Symbol dafür, dass alles mit allem zusammenhängt, auch das Lachen mit dem Weinen. Wie das Brot im Ofen aufgeht, während ihre Figur innerlich wächst – das gefällt ihr.

Das Backen auf der Bühne hat noch einen anderen Sinn: Das Publikum soll Hunger erleben. Immer verführerischer füllt der Duft des süßen Brots beim Gastspiel den Saal des Kreuzberger Theaters „Friends of Italian Opera“, immer heftiger steigt er den Zuschauern in die Nase. Nach der Vorführung stürzen sie sich gierig darauf, reißen Stücke vom heißen Challa ab, schmieren dick Butter drauf und – seufzen vor Glück.

Eigentlich sollte der Vater, ein schmächtiger Mann, der die einfachen Genüsse liebte, Gulasch mit Kartoffelpüree, eine Büchse Sardinen zum Butterbrot, gar nicht vorkommen in dem Frauenstück. Aber dann „hat er sich doch eingeschlichen“, wie die Tochter sagt. Als sie mit den Proben anfing, wurde bei ihm Krebs diagnostiziert; sein Sterben und seinen Tod hat sie in das Stück mit aufgenommen. Und sein Challa-Brot. Hunderte hat der Vater jeden Freitag gebacken, abends wurde der Laib zur Feier des Sabbats gebrochen, am Wochenende gab es Challa zu essen, „am Montag haben wir es zum Frühstück getoastet, und es schmeckte immer noch wunderbar“.

Das Rezept hat Deb Filler ihrem Vater auf dem Sterbebett entlockt, oder so was Ähnliches wie ein Rezept, er wusste ja nicht, wie man ein einziges Brot macht; dabei, sagt sie, kriegte er leuchtende Augen: Also, du nimmst einen Sack Mehl… Das Weiterreichen einer Tradition in einer Welt, die so brutal Leben und Verbindungen beendet hat, und das Teilen mit anderen: Das ist etwas, was sie glücklich macht. Darum geht es ihr auch, wenn sie kocht, und sie kocht mit der selben Leidenschaft, mit der sie isst. Aber nicht Wiener Schnitzel mit Kartoffelsalat, oh Gott, diese Kohlehydrate, Kalorien, dieses Teufelszeug…

Im Moment steht Deb Filler, die in Toronto lebt, mit „Filler Up“ in Montreal auf der Bühne. Aber das Stück ist nicht mehr das Gleiche wie in Berlin. Jetzt ist der Auftritt in Kreuzberg Teil der Geschichte geworden. Denn in Berlin auf der Bühne zu stehen und ein Challa-Brot zu backen – da hat sie Gänsehaut bekommen. Es ist, so sagt sie ein halbes Jahr danach, als hätte sich ein Kreis geschlossen. Sie würde es gern noch einmal machen.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar