Zeitung Heute : Brot und Spiele

Was schon Caesar recht war, ist Richard Roy nur billig.Brot und Spiele - nach diesem Rezept hielt schon der Kaiser im alten Rom sein Volk bei Laune.Ähnliches, nämlich Kalbsbraten und Fußball, bot der Chef von Microsoft Deutschland seinen Gästen am vergangenen Donnerstag.

Während Windows 98 in den USA unter dem Slogan "Route 98" in die Geschäfte kommt, feierte Microsoft den deutschen Auftritt unter dem Motto "Die Wahlparty"."Der Kandidat Windows 98 steht für Demokratie und freies Browsen auf den Highways" mit diesen Worten begrüßte Pressesprecher Kurt Braatz rund dreihundert Journalisten auf dem Gelände der Eisbach-Studios im Englischen Garten.Vor den mit Maibäumen, Brezeln und karierten Tischdecken geschmückten Tischen hieß er ausdrücklich auch die "Gegner", die Anhänger der Unix-Fraktion und des Java-Flügels in der Halle willkommen.

Anders als im alten Rom konnten die Gäste sich jedoch nicht gleich dem Vergnügen widmen.Bevor sie den Kalbsbraten genießen konnten, wurden sie noch mit der Marktstrategie und Informationen zum Online-Dienst von Microsoft Deutschland gefüttert: Sportlich-leger, in weißem Hemd mit Microsoft-Aufschrift trat der Vorsitzende der Geschäftsführung an das Mikrofon.Das Wahlversprechen des Kandidaten Windows 98 ließe sich kurz beschreiben mit der Formel "läuft besser und macht mehr Spaß", verkündete er.Zwar werde das Programm nicht jeden Wähler überzeugen können, räumte Richard Roy ein, dennoch erwarte er "einen tollen Erfolg in Deutschland".Während es anschließend zu Windows 98 aus dem Publikum kaum Fragen gab, wurde Kritik an dem Online-Dienst von Microsoft laut.Microsoft habe mit dem Rückzug aus dem Internet-Zugangs-Geschäft das Vertrauen der Nutzer enttäuscht, so hieß es.Weder Gäste noch Gastgeber waren an diesem Abend jedoch in Kampflaune, die Party-Stimmung in den Eisbach-Studios wollte keiner verderben.Nach dem Strategie-Teil begann dann der unterhaltsame Teil des Abends.Willy Astor erschien als "unabhängiger Computerexperte" auf der Bühne.Zweifler im Publikum überzeugte der Münchner Kabarettist mit der Schilderung seines Tagesablaufes: Er browse jeden Morgen, gehe dann mit seinem Hund Gassi-online und halte seine Küche mit MS-DOS sauber.

Weder Willy Astor noch Richard Roy hatten jedoch eine Chance, an diesem Abend etwas mehr als höflichen Applaus von den Gästen zu bekommen.Was schon Caesar wußte, das zeigte sich auch an diesem Abend in München: Echte Begeisterung ergriff das Publikum erst, als es auf der Leinwand den WM-Sieg der deutschen Fußballer gegen Iran verfolgte.Gegen König Fußball hatte an diesem Abend kein anderer eine Chance.Vielleicht liegt es ja auch an der Fußball-Weltmeisterschaft, daß sich der Absatz der Windows-98-Programme zumindest am Donnerstag und Freitag in Grenzen hielten.Selbst Branchenkenner hatten nicht mit einer derart großen Kaufzurückhaltung gerechnet.Für den Kunden muß dies nicht unbedingt von Nachteil sein, denn der Handel reagierte bereits mit Preisnachlässen.Windows 98 ist damit nicht nur einfacher und schneller, sondern auch billiger.

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