Zeitung Heute : Brotkrumen statt Orangen

Sie haben Viktor Janukowitsch gewählt, und sie werden es wieder tun – denn er hat früher gelegentlich an sie gedacht. Die Menschen im Osten der Ukraine haben das nicht vergessen

Jens Mühling[Donezk]

Es ist zwölf Uhr mittags, in der Kantine wird der Platz knapp. Zwischen den klapprigen Sperrholztischen drängeln sich Arbeiter in Blaumännern und ausrangierten Militärklamotten, viele haben schwarzen Staub im Gesicht und ein Kratzen in der Stimme. Es gibt Buletten mit Püree. Oder Fisch mit Reis. „Buletten mit Reis gibt’s nicht“, raunzt die Köchin, „oder steht das etwa auf der Karte?“

Tut es nicht, also nehmen Artjom und seine Kollegen den Fisch. Mit vollen Mündern reden sie über Politik, so wie das alle tun in der Bergarbeiterkantine und mit ihnen die ganze Ukraine. Nur klingt das hier in Donezk anders als in Kiew. „Als Jusch- tschenko Premierminister war“, sagt Artjom, „herrschte hier Chaos. Wir haben monatelang unsere Löhne nicht bekommen, ständig fielen Strom und Heizungen aus.“ Bei minus 15 Grad hätten er und seine Kumpels mal eine Nacht lang im Schacht gesessen, weil der Aufzug ausgefallen und die Tür zur Nottreppe zugefroren war. „Und wir hatten es ja noch gut, wir hatten Arbeit.“ Andere Bergwerke seien damals Viktor Juschtschenkos Reformexperimenten zum Opfer gefallen. „Als Janukowitsch Premierminister wurde, war es damit vorbei. Und deshalb will ich ihn, einen von hier, als Präsidenten, einen, der weiß, was die Leute hier brauchen.“

Von hier, das heißt: aus dem Donbass. Drei Viertel der Industrie im Land befinden sich hier, vor allem Stahlwerke und Kohleschächte. Über 40 Prozent der Menschen sind russisch, fast alle haben Verwandte und Freunde jenseits der Grenze, 90 Prozent geben Russisch als ihre Muttersprache an. Und 96 Prozent haben laut offiziellem Wahlergebnis Viktor Janukowitsch gewählt – den Premierminister, der die Renten erhöht hat und die Löhne, der Russisch zur zweiten Staatssprache machen will und der verspricht, dass die Grenze zu Russland durchlässig bleibt.

Donezk ist auch der Wahlbezirk, in dem die massivsten Fälschungen vermutet werden. Artjom schnaubt: „Mag sein. Aber niemand kann mir weismachen, dass Juschtschenko nicht auch gefälscht hat.“ Er wäre also mit einem Präsidenten einverstanden, der nicht auf demokratischem Wege an die Macht gekommen ist? Wieder ein Schnauben: „Juschtschenko hat zwei Millionen Menschen auf die Straße gebracht, mit amerikanischem Geld. Die halten jedem Kameramann ihre Orangen vor die Linse. Was ist daran bitte demokratisch? Hier leben 47 Millionen, die nicht auf die Straße gehen.“

Es ist ein weiter Weg von Kiew nach Donezk, und seitdem Juschtschenkos Anhänger die Westukraine umkrempeln, haben sich die Fronten noch einmal verhärtet. Immer wieder wurde seit der Stichwahl der Wunsch nach einer Autonomie der südöstlichen Regionen laut.

In Donezk selbst sind die Wege kurz. Von den stadtnächsten Fördertürmen bis zum Sitz der Gebietsverwaltung läuft man eine halbe Stunde. Hier legte Janukowitsch als Regionalgouverneur den Grundstein für seine politische Karriere. Nebenan befindet sich das Quartier seiner Partei der Regionen, das wiederum gegenüber vom Vereinsgebäude des örtlichen Fußballclubs Schachtjor Donezk liegt. Der gehört Rinat Achmetow, dem mächtigsten Donezker Oligarchen, der wiederum ein Freund und Geschäftspartner Janukowitschs ist. Achmetow und Janukowitsch gehören zum Kern des „Donezker Clans“, jener Clique, die im Zuge der Nachwendeprivatisierungen die regionale Industrie monopolisierte. Schon damals legte sich die Region gerne mit Kiew an: Bis heute wird ein Ausspruch zitiert, den der damalige Gebietsgouverneur Jefim Swjagilskij 1992 vor dem ukrainischen Parlament tat: „Den Donbass zwingt niemand in die Knie!“

Der Beweis folgte wenige Jahre später: Eine Serie von Auftragsmorden an abweichlerischen Politikern und Geschäftsleuten erschütterte den Donbass. Erst Janukowitsch bekam die Region wieder in den Griff und nahm den Menschen die Angst. Gleichzeitig hob er die Mindestlöhne, die Renten und die Studienstipendien an. „Kurz vor den Wahlen gab es sogar eine Sonderzulage“, sagt Artjom und kann daran nichts Merkwürdiges finden.

„Der Donbass ist nicht irgendeine Region. Sondern eine, ohne die der sozialistische Aufbau ein frommer Wunsch bliebe.“ Lenin hat das gesagt, und damit es niemand vergisst, zieren seine Worte einen Obelisken auf dem Lenin-Platz. Rundherum stehen zurzeit blau-gelbe Zelte mit Wahlslogans: „Für den Donbass! Ich wähle Janukowitsch!“ Bis vor wenigen Tagen fanden hier täglich Kundgebungen statt, als Antwort auf die in Kiew. Jetzt stehen die Zelte verwaist da, ein paar hat der Wind umgekippt, niemand geht mehr hin.

Vor dem Hotel Donbass Palace steht eine Menschenmenge, aber die erweist sich als unpolitisch: Schachtjor Donezk spielt in der Champions League gegen Barcelona, die Spanier sollen im Hotel wohnen, jeden Moment müssen sie kommen.

Jelena Bondarenko, Sprecherin der Donezker Regionalverwaltung, kann Europas Sympathien für die ukrainische Opposition nicht nachvollziehen: „Niemand scheint zu verstehen, dass Juschtschen- ko das rechte und ultrarechte Spektrum vertritt. Hier im Donbass leben Ukrainer, Russen, Tataren und zig andere Ethnien, deshalb gibt es hier eine Fähigkeit zur Toleranz, die der Westukraine völlig fremd ist.“ Alexandr Kasjanjuk, stellvertretender Regionalchef von Janukowitschs Partei, sagt: „Juschtschenko kann den dritten Wahlgang nicht ohne Fälschungen gewinnen, und wir werden das nachweisen.“ Wird also nach dem 26. Dezember alles von vorn losgehen, nur umgekehrt? „Niemand weiß, wie das enden wird“, seufzt Jelena Bondarenko. „Gott gebe, dass es friedlich endet.“ Dann hebt sie den Kopf, und ihre Stimme klingt wieder so wie vorher: „Jedenfalls werden Sie hier nicht einen Juschtschenko-Anhänger finden!“

Wer ein bisschen sucht, findet sie dann aber doch, und zwar am Bahnhof: Dima und seine Frau Sweta sind gerade von den Kiewer Kundgebungen zurückgekommen. Warum demonstrieren sie nicht in Donezk? „Das ist nicht so einfach“, erklärt Dima. Er habe eine Sauna und ein Hotel im Stadtzentrum. „Wenn ich hier für Jusch- tschenko eintrete, verliere ich Kunden.“ Auf seiner Visitenkarte steht „Sauna/Zimmer, tage- und stundenweise“. Das scheint Dima etwas peinlich zu sein: „Na ja, geplant war das alles mal ganz anders.“ Er erzählt von den Schwierigkeiten beim Aufbau eines Unternehmens hier, von korrupten Beamten und vom Donezker Clan, der die Konkurrenz mit Schlägertruppen ausschaltet. „Wenn du im Donbass lebst“, sagt Dima, „hast du drei Möglichkeiten. Entweder, du gehörst zum Clan, dann hast du es geschafft. Oder du versuchst es auf eigene Faust, dann wirst du dein Leben lang nicht glücklich. Oder dir ist alles egal und du lebst, wie hier alle leben: mit dem Kopf im Dreck.“

Es gibt im Donbass alles, was man zum Leben braucht. Es gibt Buletten mit Püree und Fisch mit Reis. Unzufrieden ist nur, wer unbedingt Buletten mit Reis haben muss. Und wer die Brotkrumen nicht fressen will, die die da oben ausstreuen, um die da unten bei Laune zu halten. Viele sind das nicht. Aber es gibt sie.

In der Bergarbeiterkantine jedenfalls wollen alle Janukowitsch wählen. Galina Pawlowna, die Köchin, auch, „einer muss ja für die Kleinen sorgen”. Sie kippt aufgeweichte Brotreste aufs Fensterbrett, für die Vögel. Sofort kommen sie angeflogen, fette Tauben und kleine Spatzen. „Haut ab, ihr habt genug gefressen“,sagt Galina Pawlowna zu den Tauben, „lasst die Kleinen auch mal ran.“ Die Tauben schert das nicht. Erst verscheuchen sie die Spatzen. Dann hacken sie aufeinander ein. Schmeißen den Wassernapf um, schlingen die Brotpampe hinunter und bematschen Galina Pawlownas Fensterscheibe. Die Spatzen hocken ein Stockwerk tiefer und warten. Irgendwas wird schon übrig bleiben.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben