Zeitung Heute : Browserkunst statt Browserkrieg

TILMAN BAUMGÄRTEL

Der 1.April 1998 war für viele Netuser ein Feiertag: An diesem Tag gab der Softwarekonzern Netscape offiziell seinen Sourcecode frei - die bislang geheim gehaltene Programmierung des Netscape Communicators, bis dato das populärste Programm zum Surfen im Internet.Nach diesem Marketing-Schachzug des amerikanischen Softwarekonzerns kann nun jeder, der zu programmieren versteht, seine eigene Version des Communicators zusammenbasteln.

"Ich will nicht, daß der User alles, was es im Netz gibt, mit den Augen eines amerikanischen Software-Unternehmens ansehen muß", sagt Yarif Alterfin, Künstler und Mitarbeiter des holländischen Medienzentrums "De Waag".Weil er keine Lust hatte, seine eigenen Arbeiten von der Netscape-Software "eingerahmt" anzusehen, entwickelte der Künstler aus Israel bereits im vergangenen Jahr ein Programm, das den beliebten Netscape-Browser veränderte ( www.alterfin.com/PathWalker ).

Alterfins "PathWalker" ist nicht das einzige Kunstprojekt, das sich mit dem Browser beschäftigt.Während zwischen den beiden Marktführern Netscape und Microsoft schon länger ein "Browser War" tobt, haben auch andere Netzkünstler die Surf-Software neu gestaltet.

Das prominenteste Beispiel für einen "Kunstbrowser" ist der "Webstalker" der dreiköpfigen Künstlergruppe I/O/D aus London, die Ende 1997 ein eigenes Programm namens "Web Stalker" vorstellten, das man umsonst aus dem Internet herunterladen kann ( www.backspace.org/iod ).Der "Web Stalker" (deutsch etwa: "Netzschleicher") verwischt die Grenzen zwischen Kunst und Software: Einerseits ist er eindeutig ein Kunstprojekt.Andererseits ist er auch ein Programm, das auf PC und Mac einwandfrei funktioniert und einen hohen "Wow!"-Faktor hat.



Anders als der Netscape Navigator oder der Microsoft Internet Explorer will der "Web Stalker" WWW-Seiten nicht so gut wie möglich darstellen - im Gegenteil: statt bunter Bilder und schön gestalteter Pages zeigt der "Web Stalker", was hinter dieser Fassade steckt: Wahlweise kann sich der User den HTML-Code oder den Fließtext anzeigen lassen, auch Links und E-Mail-Adressen kann übersichtlich abfragen.Angeblich arbeitet schon die amerikanische Navy mit dem Programm, um ihre Website zu analysieren.



Der "Webstalker" ist nur einer von vielen Versuchen, den handelsüblichen Browsern eine künstlerische Alternative entgegenzusetzten: Die "Leestafel" ( www.waag.org/maatschap/projects/readin/presentatie/concepten.html ), die die Amsterdamer Gesellschaft für alte und neue Medien entwickelt hat, soll die alte holländische Kaffeehaus-Kultur in die Gegenwart überführen: wie im 19.Jahrhundert kann man an ihm die Tagespresse oder ein Buch lesen, aber - an einem in die Tischplatte eingelassenen Monitor - auch im Internet surfen.Auch der Browser für die "Leestafel" soll darum eine "lokales Flair" haben.Statt kleiner Buttons und merkwürdiger Symbole hat Designerin Mieke Gerritzen ihn mit Animationen versehen: Wenn man seine E-Mail abruft, eilt erstmal ein Rudel Postboten über den Bildschirm.

Keiner dieser Browser will die existierende, kommerzielle Surfsoftware ernsthaft ersetzen.Aber jedes dieser Projekte zeigt die technischen Beschränkungen, die die existierenden Browser den Usern auflegen."Beim Interface- Design der Browser werden die User vergessen", meint Mieke Gerritzen.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben