Zeitung Heute : Bruce Springsteen kann Leben retten!

Von Esther Kogelboom

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Weihnachten habe ich mich verliebt, äh, in Bruce Springsteen. Vor großen Gefühlen ist man nie sicher – überraschenderweise trifft diese abgeschmackte Weisheit auch auf Heiligabend zu. Ich saß also am Morgen des 24. Dezembers 2005 in einem geborgten Auto und fand im Handschuhfach nicht nur „Darkness on the Edge of Town“ und eine selbst gebrannte CD, auf der mit Filzstift „Tunnel of“ geschrieben steht (wobei statt „Love“ ein Herz aufgemalt ist, welches von einem flammenden Pfeil durchbohrt wird), sondern auch „Nebraska“. Wenn mich also meine Kinder später fragen, wo ich war, als ich zum ersten Mal das großartige Lied „Atlantic City“ gehört habe, werde ich antworten: „Auf dem Weg zum Metzger, die vorbestellten Filetsteaks abholen.“

Jetzt ist es so, dass ich früher mit Bruce Springsteen nie etwas anfangen konnte. Genau genommen hielt ich ihn, seine engen Hosen, die Amerika-Flaggen, in die er sich hüllte, und diese geschwollenen Rocker-Schlagadern für unangenehm. Doch irgendetwas muss passiert sein. Ich habe plötzlich Lust, mir ein Herz auf die Schulter tätowieren zu lassen, welches von einem flammenden Pfeil durchbohrt wird. Nicht wirklich natürlich, aber ich denke manchmal heimlich darüber nach.

Als ich dem begnadeten Künstler, der das Bild rechts geschaffen hat, von meinen Gefühlen für den Boss erzählte, sagte er in etwa: „Ach, komm. Dass du das auch mal merkst: Musik kann Leben retten, vor allem die von Bruce Springsteen!“ Wahrscheinlich stimmt das. Für diese Therorie spricht auch, dass ich bei klassischer Musik, der ja häufig heilende Kräfte nachgesagt werden, gar nichts spüre. Erst Silvester habe ich ein feierliches Konzert in der Kirche besucht: Johann Sebastian Bach. Neben mir schwelgten die Leute hinter heruntergelassenen Lidern, still und starr. Und obwohl ich mich mit aller Kraft auf die Geigen (oder waren es Violinen?) konzentriert habe, raunte Bruce in mein Ohr: „Everything dies baby, that’s a fact. But maybe everything that dies someday comes back . Put your makeup on, fix your hair up pretty and meet me tonight in Atlantic City.“ Was bedeutet es eigentlich für 2006, wenn einem der leibhaftige Boss in der Gethsemanekirche erscheint?

Wenige Stunden später erzählte ich meiner Freundin davon, während sie ihr Bleischwein mit Hilfe eines Feuerzeugs im mitgelieferten Pfännchen zum Schmelzen brachte. Nachdem sie die blubbernde, silberfarbene Suppe in mein alkoholfreies San-Pellegrino-Wasser gekippt hatte, sagte sie: „Nee, oder? Nicht schon wieder nur Spermien!“ Tatsächlich: Auf dem Boden des Glases lagen genau 14 Punkte von charakteristischer Form. Wir staunten. Ich bekam den Schornsteinfeger.

Meine Freundin gab zu, dass sie einmal Bruce Springsteen live gesehen hat, und zwar 1995 beim Café Eckstein Ecke Pappelallee, wo er das Video zu „Hungry Hearts“ gedreht habe. (Allerdings sei leider auch Wolfgang Niedecken dabei gewesen, was den großen Moment etwas verkleinert habe.) Ich schluckte trocken. Berlin kann manchmal unheimlich sein. Jeder Pflasterstein keucht vor Geschichte, alles ist irgendwie schon mal da gewesen. Dann kippte ich den aufgelösten Schornsteinfeger ins Wasser. Heraus kam ein unförmiger Klumpen. Mit spitzen Fingern nahm ich ihn heraus und zeigte ihn meiner Freundin. Sie kniff die Augen zusammen: „Könnte ein Herz mit flammendem Pfeil sein.“ Aber sicher sei sie sich nicht.

Unsere Autorin, 30, bekommt laufend gute Ratschläge. An dieser Stelle überprüft sie alle 14 Tage einen davon auf seinen Wahrheitsgehalt.

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