Zeitung Heute : "Bruder Johannes" darf sich vermehrt Hoffnung machen

KLAUS J.SCHWEHN

BONN .Die sibyllinischen Äußerungen von Bundespräsident Roman Herzog - es könnte sein, daß er nochmals kandidieren müsse - dürfen endgültig zu den Akten gelegt werden; "Bruder Johannes" Rau hingegen darf sich verstärkt Hoffnungen machen.Die Ergebnisse der Bundestagswahl vom Sonntag mit ihren teils erdrutschartigen Veränderungen schlagen sich natürlich auch in der Zusammensetzung der Bundesversammlung nieder, die am 23.Mai nächsten Jahres einen neuen Bundespräsidenten zu wählen hat.Und so sieht es jetzt aus: SPD, Bündnisgrüne und PDS haben einen klaren Vorsprung von etwa 50 Stimmen.Nach der Sitzverteilung, wie sie sich vor dem Urnengang im vergangenen Sonntag darstellte, verfügten die bisherigen Oppositionsparteien bereits über 677 Sitze, während Union und FDP gemeinsam auf 657 Wahlmänner kamen.Nach den neuen vorläufigen Berechnungen kommen jetzt noch 26 Stimmen aus dem Bundestag für das rot-grüne Lager und die PDS hinzu.Außerdem bringt der Stimmenwechsel bei der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern einen weiteren Zuwachs vor allem für die Sozialdemokraten, der allerdings noch nicht durchgerechnet ist.

Die Bundesversammlung, die den Bundespräsidenten alle fünf Jahre zu wählen hat, zählt 1338 Mitglieder.Zur Hälfte besteht sie aus den Mitgliedern des Bundestags, zur anderen aus Wahlmännern, die von den Landtagen entsprechend der jeweiligen Fraktionsstärke gewählt werden.Dabei muß es sich nicht um Abgeordnete handeln.Häufig erhalten bekannte Sportler, Künstler, Vertreter karitativer Organisationen die Ehre, den Präsidenten mitzuwählen.Zwar stehen zu Beginn des nächsten Jahres noch Landtagswahlen in Hessen und Bremen an; deren Ergebnisse werden aber nicht mehr eingerechnet: Die endgültige Zusammensetzung wird schon im Januar 1999 festgelegt.

Somit kann über Kandidaten und deren Chancen diskutiert werden.Und natürlich rückt der ehemalige NRW-Ministerpräsident Johannes Rau wieder ins Blickfeld.Schon im Mai hatte sein Nachfolger im Düsseldorfer Amt, Wolfgang Clement, ihn vorgeschlagen.Es gebe seit Willy Brandt keinen deutschen Politiker, der so wie Rau die Menschen zusammenführen könne.Clement: "Ich meine, das sollte man sich in Deutschland zunutze machen".

Wenn da nicht bei der Besetzung hoher Ämter Proporzdenken eine Rolle spielte.So sind in der Diskussion neben Rau, der 1994 dem jetzigen Amtsinhaber unterlegen war, auch respektable Kandidatinnen genannt worden.Nämlich die Präsidentin des Bundesverfassungsgericht Jutta Limbach und die Berliner Bürgermeisterin Christine Bergmann.Aber die gehört nun in Schröders Kabinetts-Truppe.

Ostdeutsch und weiblich: Das wäre nach dem Stand der Diskussion unter den Sozialdemokraten und ihrem möglichen künftigen Koalitionspartner die ideale Lösung.Aber die scheint sich nicht zu finden.Regine Hildebrandt war schon einmal genannt, aber dann bald wieder vergessen worden.Wenn ostdeutsch, dann richteten sich inzwischen die Blicke auch auf Friedrich Schorlemer, zuletzt aber immer häufiger auf Richard Schröder, den Theologieprofessor.Den wünschte sich sogar das CDU-Präsidiumsmitglied Rainer Eppelmann, genauso wie der Parlamentarische Geschäftsführer der Bündnisgrünen, Werner Schulz: "Er bringt die Dinge auf den Punkt, wird in Ost und West akzeptiert und wird uns auch unbequeme Wahrheiten zumuten".Schulz sattelte noch eines drauf: Wenn es die SPD nicht wage, an Johannes Rau vorbeizugehen, dann wolle er nicht ausschließen, daß die Grünen Schröder von sich aus vorschlagen.

Als Roman Herzog im Sommer darüber sinnierte, daß eine Situation eintreten könnte, die ihn zur zweiten Amtszeit zwinge, konnte auch er natürlich das Wahlergebnis vom Sonntag nicht ahnen.Jetzt steht diese Frage nicht mehr an.Es hat in den letzten Monaten nicht wenige gegeben, die diese ganze Debatte um Namen als des hohen Amtes für unwürdig erachteten.Aber es ist nicht weniger und nicht mehr als ein demokratisches Amt - auf Zeit vergeben.

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