Zeitung Heute : Brüsseler Spritzen

Monika lebt im Osten von Polen, aber sie arbeitet in Brüssel. Das sind 23 Stunden Fahrzeit mit dem Bus. Hier in Siemiatycze machen das Tausende so. Das Geld aus Belgien hat der Stadt ein Wirtschaftswunder beschert. Und der Bürgermeister sagt: „Irgendwie sind wir schon seit 14 Jahren in der EU.“

Von Kirsten Wenzel,

Siemiatycze

Zu Ostern ist Monika wie immer nach Hause gefahren. Zu ihrem Mann, den vier Kindern, den acht Enkelkindern. Sie hat den Bus genommen, aus Brüssel. Vor Ostern fuhr täglich einer. Alle wollten zum Fest in die kleine Stadt am See Sarew, 150 Kilometer hinter Warschau, etwa 30 Kilometer von der weißrussischen Grenze entfernt. Monika hat am Ostersamstag das Körbchen mit Eiern, Brot und Zuckerlämmchen gefüllt und ist mit der Familie zum Segnen in die Kirche gegangen, wie es eine Großmutter in Ostpolen normalerweise tut. Sie ist 60 Jahre alt, ihr Mann Grzegorz 68.

Sie trägt das dunkle Haar im Knoten, mit Nadeln locker hoch gesteckt.

Vor fünf Jahren hat sie begonnen, Französisch zu lernen. Das Jahr über arbeitet sie in Brüssel, illegal, wie Tausende Männer und Frauen aus Siemiatycze. Neun Euro verdient sie pro Stunde für die Arbeit als Haushaltshilfe, mehr als viermal so viel wie in Polen in ihrem gelernten Beruf. Früher war sie Buchhalterin in der großen Milchfabrik, doch die gibt es schon lange nicht mehr. Nur zu Weihnachten, Ostern und für die Sommerferien kommt Monika, die Großmutter nach Hause, fast wie eine Schülerin aus dem Internat.

Königin der Kleinstädte

Von Siemiatyczes Bahnhof könnte man sich täuschen lassen. Der Zug hält am Waldrand im stillen Nirgendwo, nur drei alte Männer steigen aus. „In die Stadt? In einer halben Stunde kommt ein Bus.“ Acht Kilometer Landstraße sind es bis zum Zentrum, vorbei an verrosteten Getreidesilos und alten Holzhäusern, vor denen manchmal noch eine Ziege angebunden steht; nur ein Trecker und einige Polski Fiat kreuzen den Weg. Außer Landwirtschaft im Niedergang scheint es hier nicht viel zu geben. Und dann, nach ein paar Wohnblocks mit abgeblätterten Fassaden, steht man vor dem Rathaus. Es wird gerade renoviert. Gegenüber bewerben Plakate in der neuen Bank Kredite für Hausbau und Autokauf, ein Geschäft reiht sich ans andere rund um den Marktplatz, sogar einen Lewis-Store gibt es. Und auf dem Jana-Pawla-Platz flattert groß die blaue europäische Fahne im Wind, neben der polnischen und der mit dem Stadtwappen von 1542.

Wer etwas länger bleibt, hört es bohren in Siemiatycze, hämmern und klopfen, Betriebsamkeit, vom frühen Morgen an. Ganze Viertel sind in den letzten zehn Jahren entstanden, zwei große, neue Kirchen auf dem Berg am Stadtrand, aus rotem Backstein, eine für die orthodoxe, daneben eine für die katholische Gemeinde. Überall riecht es nach frischer Farbe, nach frisch gesägtem Holz. Erst mit der Dämmerung wird es wieder still in den Neubausiedlungen. Dann hört man die Hunde bellen, wie früher. Und Monika weiß, dass sie wieder zu Hause ist.

Im Büro von Bürgermeister Zbigniew Radomski liegt eine der letzten Ausgaben der polnischen „Newsweek“ mit einer Story über das kleine Wirtschaftswunder von Siemiatycze. „Die meisten Autos, die schönsten Häuser, die teuersten Geschäfte“, titelt die Illustrierte und erklärt Siemiatycze mit seiner Arbeitslosenquote unter acht Prozent, so niedrig wie fast nirgendwo im Land, zur Königin unter den polnischen Kleinstädten.

Radomski, grauhaarig, mit getönter Brille, ist stolz darauf. War er es doch, der 1990, vor seiner Zeit als Bürgermeister, als Direktor der örtlichen Transportgesellschaft PKS den Bus-Shuttle nach Brüssel eingerichtet hat. Eine Verbindung, die inzwischen zur Stadt gehört wie die U1 zu Berlin: Fast jeder ist schon mal damit gefahren. Ein Viertel der 16000 Einwohner, schätzt man, tut es regelmäßig.

Vom Busbahnhof, eine Kreuzung vom Rathaus entfernt, starten jede Woche die weißblauen Mercedesbusse der PKS in Richtung Westen, das Ticket Brüssel hin und zurück kostet 400 Sloty, etwa 84 Euro, Senioren und Kinder erhalten Rabatt, Abendessen unterwegs ist inklusive. „Unser Siemiatycze“, verkündet Radomski gut gelaunt, „ist doch irgendwie schon seit 14 Jahren in der EU.“

Denn auf den Baustellen und in den Haushalten von Brüssel finden die Bürger von Siemiatycze das, was es im strukturschwachen Ostpolen nicht mehr gibt: Arbeit. Allerdings fast immer die illegale Sorte, Schwarzarbeit, ohne Steuern, ohne Versicherung, das weiß auch Radomski. „Doch in dieser Gegend“, sagt der Bürgermeister, „überlebt es sich besser mit kleinen Widersprüchen als gar nicht.“ Das Geld, das die Reisenden wieder mitbringen, mit dem sie ihre Häuser bauen, manche halbe Paläste mit Säulen vor den Eingängen und großen Wintergärten, dieser Wohlstandsimport hat die Stadt in den letzten Jahren am Leben erhalten, Existenzgründungen ermöglicht, neue Arbeitsplätze geschaffen.

Alles begann schon in den späten 70er Jahren, als die ersten Siemiatyczer über private Kontakte nach Brüssel kamen, Arbeit fanden und ihre Freunde und Verwandten nachholten. Ein ständig wachsendes Netzwerk von Empfehlungen entstand auf diese Weise, mehr zufällig. Bis zu sieben Jahre können die alten EU-Staaten nach dem 1. Mai den Menschen aus den Beitrittsländern noch den Zugang zum Arbeitsmarkt verwehren. Offiziell. Die Tatsachen sind längst viel weiter, das wissen auch die Politiker, in Belgien und anderswo. Erst im März war der belgische Botschafter zu Besuch in Siemiatycze, und Radomski hat ihm feierlich einen Kuchen überreicht. „Ihre Stadt hat in Brüssel einen sehr guten Namen“, lobte der Botschafter den Fleiß der Siemiatyczer, dem seine Regierung offiziell noch mindestens bis 2006 einen Riegel vorschieben will. Und erlaubte sich dann den kleinen Scherz: „Ich glaube, so mancher Belgier hält Siemiatycze sogar für die Hauptstadt von Polen.“ Der Bürgermeister fand nach dieser Ermunterung gleich, dass es Zeit werde für den nächsten Schritt: eine Partnerschaft mit einer belgischen Kleinstadt, die, das würde ihn freuen, sollte doch noch in seiner Amtszeit Wirklichkeit werden.

Etwas Französisch spricht fast jeder in der Stadt, in der die schönsten Häuser im „belgischen Viertel“ stehen, einer Neubausiedlung auf dem Berg. Der Chefredakteur der Gemeindezeitung zum Beispiel, der früher als Polier in Brüssel gearbeitet hat, und auch die Ehefrau des Bürgermeisters, die inzwischen nur noch dahin fährt, um ihren Großmutterpflichten nachzukommen. „Très joli, n’est-ce pas? sagt sie, als sie den Besuch in ihrem neuen Garten herumführt und auf den Teich zeigt und den niedlichen Frosch aus Stein. Ihr Sohn ist gleich ganz in Belgien geblieben, mit der Familie. Legal, betont sie, als Unternehmer vertreibt er in Brüssel polnische Zeitschriften. Geschichten aus der Heimat sind ein lohnendes Geschäft dort, wo es auch polnische Lebensmittelläden, Cafés, Diskotheken gibt. Immigrationsforscher sprechen von 35000 Polen in Europas Hauptstadt. Offiziell gemeldet sind gerade etwas mehr als 2000.

Bei Monika zu Hause, in der kleinen Etagenwohnung aus sozialistischen Zeiten, gibt es keine neue Sofagarnitur und keinen Fernseher mit Flachbildschirm, dafür einen alten Küchentisch mit geblümter Kunststoffdecke und im Winter Watte, gegen die Kälte in die porösen Fensterrahmen gestopft. Von ihrer kleinen Rente könnte sie Brot, Miete, Stromrechnung bezahlen, sagt sie, aber kein Geschenk für die Enkel, und sie hat acht. Sie fürchtet, dass die Preise steigen werden in Polen nach dem Eintritt in die EU. Außerdem könnte Grzegorz krank werden. Und jetzt ist auch noch der älteste Sohn, Jurist, seit zwei Jahren arbeitslos. Nach Brüssel fahren, Geld zurücklegen, ist ihre Arznei gegen die Sorgen. Drei Arbeitgeber hat sie dort, eine Arztfamilie, einen Informatiker, eine ältere Dame, „alle sehr nett“. Und so freut sie sich, als nach zehn Tagen in Siemiatycze das Telefon klingelt und der Herr Doktor aus Brüssel fragt: „Monika, geht es Ihnen gut? Kommen Sie bitte bald zurück, wir vermissen Sie schon.“

Lena, 29, gehört zur neuen Generation in Siemiatycze. Sie spricht kein Wort Französisch, reist gern an die polnische Ostseeküste, war noch nie in Brüssel. Sie hat Ökonomie in Bialystok studiert und eine Stelle in der Stadtverwaltung gefunden, fährt einen silbernen Mittelklassewagen und wohnt mit ihrem Mann und den zwei Kindern in dem Haus, das ihr Vater als junger Mann gebaut und ihnen geschenkt hat. Der Vater baut schon wieder, ein neues Domizil, außerhalb der Stadt. Er kann nicht anders, sagt Lena, er arbeitet einfach so gern. Sie ist froh über ihre Stelle in der Heimat, sagt sie, legale, interessante Arbeit, die würde fast jeder in der Stadt heute den Hilfstätigkeiten in Brüssel vorziehen. Aber sie ist auch stolz auf ihren Vater, der dort 15 Jahre lang auf dem Bau gearbeitet hat, „damit wir Kinder es mal besser haben“.

Freitag, sieben Uhr morgens. Zwei voll besetzte Busse verlassen die Stadt. Junge und alte Frauen, verschlossen schauende Männer, Kinder, ein Hund. Monika hat zwei Strickjacken übereinander gezogen, ein Kissen, ein Buch über das Leben Jesu und eine große Kunststofftasche Proviant mitgebracht. Als sich der Bus durch den Berufsverkehr von Warschau quält, wirft der Fahrer die erste Videokassette ein, eine amerikanische Liebeskomödie. Monika deutet auf die zartgrünen Bäume am Ufer der Weichsel. „In Brüssel“ sagt sie, „blüht jetzt schon der Flieder.“ „Das Leben Jesu“ bleibt ungelesen auf ihren Knien. 18 Uhr, inzwischen läuft ein Actionfilm, eine Stunde Wartezeit in der Busspur am Grenzübergang Frankfurt/Ode. Um elf Uhr nachts, nach dem Schocker „The sixth sense“, hinter Hannover, wird es ruhig im Bus, vom Schlaf übermannt lehnt auch Monika den Kopf an den Vordersitz.

Ankunft sechs Uhr morgens

Es ist Samstag, sechs Uhr morgens, als der Bus sein Ziel erreicht. Ein Parkplatz bei der Metrostation „Diamant“, der Fahrer, in Anzug und Krawatte, hält neben vier anderen Bussen der „PKS Siemiatycze“. Um diese Zeit ist es auch in Brüssel still. Monika geht zu Fuß zu der kleinen Wohnung, die sie mit ihrer Schwester teilt, in das Backsteinhaus, wo die meisten ihrer Nachbarn Türken sind oder Araber. Nicht die feinste Adresse, aber es gefällt ihr, wenn die Frau von gegenüber mit einem Teller voll unbekannter Köstlichkeiten vor der Tür steht und sagt: „Monika, das müssen Sie probieren.“

Sie geht nicht aus, das ist zu teuer. Auf der Straße, wenn sie von der Arbeit nach Hause geht, legt sie einen Schritt zu, lässt sich nicht von Fremden ansprechen, sicherheitshalber, auch wenn es bisher fast nie Probleme mit der Polizei gab. Nur sonntags spaziert sie manchmal mit ihrer belgischen Freundin aus dem Altersheim durch den botanischen Garten. Nach der Messe, in der gotischen Kathedrale Notre Dame de la Chapelle im Viertel Marolles, da wo die meisten Möbelgeschäfte von Brüssel zu finden sind. Jeden Sonntag kommen Tausende, die den Segen auf Polnisch hören wollen, alte, junge, Familien mit ihren Kindern. Den Glauben, sagt Monika, kann man überallhin mitnehmen.

Sie hat sich das Haar gekämmt, ist nach 23 Stunden Fahrt fast schon wieder munter. Ihre Enkel schimpfen immer mit ihr: Oma, tu dir diese Strapaze nicht mehr an. Aber ein Jahr geht es noch, findet sie. Es ist doch fast normal, viele Leute fahren mit dem Bus zur Arbeit. Bald kommt Grzegorz zu Besuch, eine kalte Dusche hilft gegen die geschwollenen Beine. Wenn sie einmal krank wird, auch kein Problem. Sie kennt drei polnische Ärzte in Brüssel, sie muss nur alles selbst bezahlen.

Sie ist Touristin. Und ihre Arbeit beginnt am Montag um acht.

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