Zeitung Heute : Brunnen bauen in Indien

SABINE HAMACHER

Das Geschäft mit dem Ökotourismus boomt / Keine einheitlichen KriterienVON SABINE HAMACHER

Wildkräuter-Wanderungen in den Vogesen, ein Dorfentwicklungsprojekt in Indien oder Reiterferien auf einer Finca in Ecuador gemeinsam haben diese Urlaubsangebote den Anspruch, im Gegensatz zum herkömmlichen Tourismus ökologisch sinnvoll und sozial verträglich zu sein.

Daß längst nicht alles "öko" ist, was sich so nennt, gilt aber auch für die Reisebranche.Denn das wachsende Interesse der Deutschen, die schönsten Wochen des Jahres mit umweltpolitisch reinem Gewissen zu verbringen, hat einen wahren Boom ausgelöst.

Sich als umweltfreundlich darzustellen, ist längst zu einem wichtigen Wettbewerbsfaktor geworden.Die meisten großen Tourismus-Konzerne wie TUI, NUR und ITS beschäftigen Umweltbeauftragte.Frosch-Touristik und Studiosus arbeiten bevorzugt mit Hotels zusammen, die auf ökologische Betriebsführung umgestellt haben.Harte Kriterien für ein umweltfreundliches Tourismusunternehmen gibt es aber bisher nicht.

Auch der Begriff Ökotourismus wird unterschiedlich definiert.Als "eine Form verantwortungsbewußten Reisens in naturnahe Gebiete, die negative Umweltauswirkungen und soziokulturelle Veränderungen zu minimieren sucht, zur Finanzierung von Schutzgebieten beiträgt und Einkommensmöglichkeiten für die lokale Bevölkerung schafft", beschreibt ihn die Arbeitsgruppe Ökotourismus.

So weit geht der Deutsche Reisebüro-Verband (DRV) nicht.Schutzbedürftigkeit von Mensch, Umwelt, Natur und Kultur in den touristischen Zielgebieten und die Interessen der Tourismusbranche und der Urlauber sollten miteinander in Einklang gebracht werden, heißt es dort.Der DRV gibt Faltblätter heraus mit Verhaltensregeln wie "Treten Sie als zurückhaltender Gast auf" oder "Lassen Sie an Ausflugszielen keinen Abfall liegen".Mit einer anderen Broschüre will der Verband touristische Anbieter überzeugen, Produkte aus biologischem Anbau auf den Tisch zu bringen, Klimaanlagen einzuschränken und sparsam mit Wasser umzugehen.

Hehre Ziele

Einer strengeren Auffassung von Ökotourismus genügt laut Ludwig Ellenberg, Geographieprofessor und Autor eines Buches zum Thema, beispielsweise der Veranstalter Natur Umweltreisen.Dieser hat sich in Zusammenarbeit mit regierungsunabhängigen Organisationen darauf spezialisiert, Interessierten Zugang zu Natur- und Umweltschutzprojekten zu verschaffen.Als Teilnehmer spricht er vor allem Mitglieder von Naturschutzverbänden an.

Auch der Freiburger Veranstalter Waschbär-Reisen verfolgt hehre Ziele.So unterstützt er im Amazonasgebiet ein alternatives Indianerprojekt durch den Besuch der deutschen Touristen oder fördert das südindische Dorf Kerala, indem ein Teil des Reisepreises direkt in die Entwicklung des Ortes geht.Arbeitswillige Urlauber können sich dort sogar am Bau eines Kindergartens oder Brunnens beteiligen, ein Angebot, das durchaus angenommen wird.

Daß die Spreu vom Weizen getrennt werden muß, gilt im Inland wie im Ausland.Beispiel Kuba: Laut Birgit Beier, die ihr Staatsexamen mit einer Arbeit über Tourismus und Naturschutz in dem Karibikstaat abgelegt hat, wird auf der Insel Ökotourismus zwar seit 1995 angeboten, befindet sich jedoch noch im Anfangsstadium.Der in Mode gekommene Begriff werde oft als Lockmittel für Touristen eingesetzt, während die Angebote nur zu einem geringen Teil die Bedingungen für eine verträgliche Tourismusform erfüllten.Oft werde über die Köpfe der einheimischen Bevölkerung hinweggeplant.So biete eine Firma unter der Rubrik "Ecoturismo" einen Tagesausflug in ein Bergdorf an, bei dem sich die Bezeichnung "ökotouristisch" lediglich dadurch rechtfertige, daß der Ausflug ins Grüne gehe.

Trotz aller Bemühungen kann Tourismus und sei er noch so sanft streng genommen grundsätzlich nicht ökologisch sinnvoll sein.Denn ohne Verkehr ist er nicht möglich.Und motorisierte Mobilität bedeutet immer Umweltbelastung.Dennoch glaubt Professor Ellenberg, daß Naturschutz durch Naturgenuß möglich ist.Zwar könne er keine Patentlösung bieten, aber ein Ziel: "Mich so zu verhalten, daß ich es mir, der Natur und der Zukunft gegenüber verantworten kann."


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