Bruno Pieters : Kleider machen Beute

Ausgerechnet die deutsche Traditionsfirma Hugo Boss konnte ihn für sich gewinnen: Bruno Pieters, Modedesigner und Avantgardist, allergrößte Hoffnung der internationalen Schneiderbranche. Bei der Berliner Fashion Week schlägt nun die Stunde der Wahrheit

Grit Thönnisen
Bruno Pieters
Bruno Pieters. Neuer Chef bei Boss. -Foto: Mike Wolff

BerlinDie Hoffnung von Hugo Boss ist frisch gepudert. Sie heißt Bruno Pieters, und der Mann scheint zu wissen, dass die gesamte Aufmerksamkeit in den nächsten Tagen in Berlin ihm gilt. Deshalb hat er sich am Anfang seines Arbeitstages von der Visagistin, die eigentlich da ist, um die Models zu verschönern, ordentlich schminken lassen. Zur Sicherheit, Fotografen haben sich angekündigt.

Bruno Pieters ist der neue Designer von Deutschlands umsatzstärkstem Modeunternehmen Hugo Boss – und an diesem Sonntag wird seine erste Kollektion für die junge Linie Hugo im Tempelhofer Flughafen gezeigt. Es ist Modewoche in Berlin, seit Tagen wird die Abfertigungshalle mit metallisch glänzenden Platten zu einem gigantischen Laufsteg umgebaut. Das Designteam um Bruno Pieters ist mit Lastwagenladungen voll Kleidung in einem kargen Hangar untergebracht, gerade werden Nähmaschinen und Bügelanlagen hereingetragen, für letzte Änderungen, die PR-Abteilung von Boss will Bilder von dieser Arbeit machen. Die Schminke lässt ihn unter der Leuchtstoffröhrenbeleuchtung gleich um ein paar Jahre älter aussehen, dafür wird sein Gesicht später auf Fotos fast konturlos wirken. Vorsichtshalber hat er sich auch noch seinen dicken dunkelblauen Rollkragenpullover hinten mit Sicherheitsnadeln zusammenstecken lassen, damit er von vorne schmaler aussieht – noch schmaler.

Bruno Pieters ist jung, erst 30 Jahre alt. Sein Ziel ist es, „Bedeutung in der Mode“ zu erlangen, sagt er, deshalb hat er jetzt seinen ersten Job als Chefdesigner angetreten. Jetzt entwirft er nicht nur – daheim in Antwerpen – seine eigene Frauen- und Männerlinie und arbeitet für ein belgisches Label, sondern kommt auch noch einmal in der Woche ins schwäbische Metzingen, um dort die vier Vorstände und die weltweit 8691 Mitarbeiter von Hugo Boss mit seinen Ideen glücklich zu machen. Später sollen die Konsumenten folgen.

Pieters ist nervös. Er spielt mit einem Feuerzeug. Ständig fährt er mit seinem Finger über das Rädchen, ratsch, ratsch. Über seine Rolle im Unternehmen denke er gar nicht viel nach: „Ich lerne jeden Tag dazu“, sagt er. Seit Mitte des vergangenen Jahres kommt er immer wieder aus Antwerpen geflogen, erst mit ein paar Skizzen, die er seinem Designteam zeigt, dann mit Stoffideen und Schlagworten wie „Bauhaus“ und „Neue Sachlichkeit“, die er irgendwie in den Kleidungsstücken sichtbar machen will. „Ihr könnt stolz darauf sein, dass ihr solche Sachen habt, das ist toll“, sagt er, als wäre das Bauhaus gerade erst als Thema und Inspiration für Kleidung entdeckt worden. Aber in der Mode geht es ja nicht darum, das Rad ständig neu zu erfinden, sondern Dinge, die sowieso schon da sind, neu zusammenzustellen.

Bruno Pieters gilt in dieser Hinsicht als großes Talent. Wenn es im Moment einen Designer gibt, auf dem allergrößte Hoffnungen ruhen, dann ist es Pieters, da sind sich Modejournalisten wie Suzy Menkes von der „International Herald Tribune“ und Anna Wintour, die Chefredakteurin der US-amerikanischen „Vogue“, sicher. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sich ein großes Unternehmen den Belgier schnappen und ihn stolz herumreichen würde wie eine Jagdtrophäe.

André Maeder hat sofort gewusst: „Der Bruno ist was Besonderes.“ Das Vorstandsmitglied, bei Hugo Boss zuständig für die 1993 gegründete Marke Hugo, hat Bruno Pieters engagiert. Ganz beseelt scheinen sie in Metzingen, dass der Belgier jetzt bei ihnen arbeitet und etwas mitbringt, was sie dringend brauchen: einen Hauch von Avantgarde. Vor ein paar Tagen hat er seine eigene Kollektion in Paris bei den Männermodenschauen gezeigt, 15 Outfits in bescheidenem Rahmen, die Models stellten sich in nachtblauen Samthosen, Spencerjäckchen mit doppelt gelegtem Revers und schwarzen, zerknautschten Lackmänteln auf ein weißes Podest. „Für uns ist er keine Konkurrenz, er ist viel teurer, avantgardistischer“, sagt Maeder zu Pieters’ Kollektion. Für Hugo muss der sich nun um 600 Teile kümmern und darf endlich auch Taschen und Schuhe entwerfen. Für seine eigene Modelinie wären die Investitionen dafür zu hoch.

Selbstverständlich eröffnet Hugo Boss die Berliner Fashion Week heute nicht am offiziellen Veranstaltungsort im Postbahnhof, wo die meisten anderen Kollektionen gezeigt werden. Dorthin lud das Unternehmen schon im Sommer 2003 ein und servierte nach der Schau auf einem gigantischen Eisblock ein Büfett für mehr als tausend Gäste.

Größe demonstrieren – das können sie bei Boss. Es muss immer die teuerste Party, die aufwendigste Show mit möglichst vielen Stars in der ersten Reihe sein. Die letzte Berliner Party fand im Juli 2007 in der Russischen Botschaft Unter den Linden statt: Das Essen war so verschwenderisch, die Dekoration so augenblendend, dass die Gäste wenige Stunden nach der Präsentation die Kleidung vergessen hatten. Welcher Einkäufer, der neben Rupert Everett und Christina Ricci Wodka in den opulenten Hallen der Botschaft schlürft, denkt schon noch über Schnittführung nach? Da könnte es fast als Zeichen gelten, dass es diesmal in Berlin keine Party nach der Schau geben wird. Es gibt ja jetzt Bruno Pieters.

Er oder keiner, so müssen die Leute von Boss gedacht haben. Aber Boss wäre nicht eines der erfolgreichsten deutschen börsennotierten Unternehmen, wenn sie nicht auf Nummer sicher gegangen wären. Auf das Bauchgefühl, auf das in der Modebranche große Stücke gehalten wird, geben sie in Metzingen wenig. Stattdessen wurde ein französischer Headhunter engagiert, der 150 Designer kontaktierte, 60 befragte und schließlich 16 zu Bewerbungsgesprächen einbestellte.

Schon nach 10 Minuten wusste André Maeder, dass Pieters der richtige für Hugo ist. Aber auch, dass er den ausgeschriebenen Job als allein verantwortlicher Chefdesigner nicht machen kann. „Er kann kein Team von 30 Leuten führen, er ist ein Kreativer und kein Manager“, war sich Maeder sicher. Also brauchte er noch jemanden, „der sich auch die Lohnsorgen anhört“. Dafür gibt es jetzt unter anderem den Kreativdirektor Eyan Allen. Der Brite wurde gleichzeitig mit Bruno Pieters eingestellt, wohnt im Gegensatz zum Belgier fünf Tage die Woche in Metzingen und fährt nur am Wochenende in seine Heimatstadt Manchester. Allen sorgt dafür, dass die Ideen von Pieters produzierbar, bezahlbar und verkäuflich werden.

Bruno Pieters lächelt nur auf die Frage, ob er sich vorstellen könne, ganz in Metzingen zu leben. „Ich brauche Antwerpen, das ist meine Heimat.“ Aber die Spätzle in der Kantine schmecken ihm gut, sagt er.

Doch André Maeder will sein Wunderkind auch gar nicht immer um sich haben: „Ich will, dass er bei seiner Jungdesignerbande in Antwerpen bleibt. Der soll kein Metzinger werden.“ Das Unternehmen, in dem viele Mitarbeiter kein Deutsch, sondern Englisch miteinander sprechen, hat deshalb in der schwäbischen Provinz seinen Hauptsitz, weil hier 1885 Hugo Boss geboren wurde. 1923 fing er an, Hemden und Wäsche schneidern zu lassen. Die Anzüge, für die Boss heute weltbekannt ist, kamen erst nach 1945 dazu, vorher expandierte Hugo Boss zusammen mit seinem Schwiegersohn Eugen Holy als kriegswichtiger Betrieb und nähte Uniformen für SA, SS und Hitlerjugend. Lange Zeit schwieg die Unternehmensleitung über die Vergangenheit – mehr als 100 Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter wurden während des Krieges bei Hugo Boss beschäftigt. Inzwischen hat die Hugo Boss AG in die Stiftungsinitiative der Deutschen Wirtschaft zur Entschädigung der Zwangsarbeiter Geld eingezahlt.

Im vergangenen Jahr nahm die Kapitalbeteiligungsgesellschaft Permira als Großaktionär im Aufsichtsrat des einstigen Familienunternehmens Platz. Auch deshalb passt der Einkauf von Bruno Pieters gut ins Konzept, denn die eindeutige Forderung der neuen Aktionäre lautet: mehr Wachstum, mehr Risiko. Das ist bei sowieso schon glänzenden Umsatzzahlen von 1,5 Milliarden Euro im Jahr 2006 und einem Gewinn von 129 Millionen Euro nur durch eines zu schaffen: dadurch, dass Hugo Boss endlich als Designmarke und nicht mehr nur als Hersteller von Businessanzügen wahrgenommen wird.

Fragen nach dem Druck, unter dem er lastet, kommen bei Bruno Pieters gar nicht an, dafür sorgen schon die Leute von Boss. Er muss an nichts denken, erst recht nicht an die Kommerzialisierung seiner Entwürfe. Das macht ja dann Allen.

Seit mehr als zehn Jahren arbeitet der im belgischen Brügge geborene Pieters in der Modewirtschaft. Mit 20 Jahren schloss er seine Ausbildung an der Königlichen Akademie in Antwerpen ab – als Jahrgangsbester einer elitären Schule, die ihre Studenten reihenweise herauswirft. Seine Lehrjahre absolvierte er bei einem der intellektuellen Gründungsväter der Antwerpener Mode, Martin Margiela. Schließlich arbeitete er in Paris bei Christian Lacroix in der Haute Couture. Die „hohe Schneiderkunst“ gefiel ihm gut, als erster Belgier fiel er ins Hoheitsgebiet der Pariser Modehäuser ein, er entwarf eine hoch gelobte, aber absolut unverkäufliche Kollektion mit handgearbeiteten Einzelstücken. Zwangsläufig wurden seine Sachen dann auch nicht in Geschäften, sondern in Museen ausgestellt.

Mode als möglichst unkommerzielle Kunst zu präsentieren, hat sich schon bei anderen Designern als geradliniger Karriereweg herausgestellt. Das niederländische Erfolgsduo Viktor & Rolf zeigte anfangs konzeptionelle Entwürfe, erntete jede Menge Lob von der sensationslüsternen Modeszene und schloss schließlich einen lukrativen Vertrag mit dem Kosmetikunternehmen L’Oreal ab.

Bruno Pieters schaffte es noch eleganter: Er gewann mit dem Swiss Textiles Award im November 2006 ein Preisgeld von 100 000 Euro und konnte damit seine erste verkäufliche Prêt-à-porter-Kollektion finanzieren, die er während der Pariser Modewoche zusammen mit Häusern wie Chanel, Balenciaga und Dior zeigte. Spätestens da muss Bruno Pieters gewusst haben, dass die großen Unternehmen seinen Namen auf ihre Wunschlisten setzen. „Darüber habe ich nicht nachgedacht, wirklich nicht. Ich war doch immer noch ein Nachwuchsdesigner.“ Aber dann gibt er zu, dass es im vergangenen Jahr mehrere Angebote gab. Und auch eine ernsthafte Alternative zu Hugo: „Die wäre in New York gewesen, aber da war alles so festgelegt. Bei Hugo kann ich alles neu machen, einen richtigen Relaunch halt.“ Wenn der gelingt, können sie sich freuen in Metzingen – aber womöglich verlieren sie Pieters dann genauso schnell, wie sie von ihm begeistert waren. André Maeder weiß das. Er sagt: „Wenn Bruno der Nachfolger von Marc Jacobs bei Louis Vuitton wird, wäre das für uns das größte Lob.“

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