Zeitung Heute : Brutalo-Messe

BORIS KEHRMANN

James Levine und die Philharmoniker mit der "Missa Solemnis"BORIS KEHRMANNDas Berliner Philharmonische Orchester begann Beethovens "Missa Solemnis", wie es in der Partitur steht: zurückhaltend und andächtig.Aus leisen Anfängen erhob sich das "Kyrie" zu imposanter Größe.Das "Christe eleison" setzte sich im Tempo davon ab.Andante - gehend hat Beethoven darüber geschrieben.Unwahrscheinlich, daß James Levine im normalen Leben so schnell geht, wie er es von seinen Musikern in diesem "Christe" verlangte.Erste Zweifel meldeten sich, ob er Beethovens Vortragsbezeichnungen überhaupt ernst nimmt.Das "Kyrie" darauf nahm den Gestus des ersten "Kyrie" wieder auf.Die Absicht war klar: ein Klangtor wurde errichtet, durch das man eintrat in das gewaltige Werk. Was sich aber dahinter verbarg, war ein durch kurze Ruhestellen unterbrochenes, sechzigminütiges Getöse, an dem nur Schwerhörige in der Philharmonie Freude gehabt haben können.Der von Robin Gritton vorbereitete Rundfunkchor Berlin schrie sein "Gloria" heraus, als wolle er die Toten zum Jüngsten Gericht rufen.Was er schrie, war glücklicherweise nicht zu verstehen.Sonst hätte man sich doch sehr wundern müssen über die unkonventionelle Art, Gott in der Höhe zu loben.Schade, daß sich die klare Göttliche Ordnung der "Amen"-Fuge am Ende des Satzes anhörte wie ein Volksauflauf in einem Revolutionshörspiel.Man nahm es in diesem fortgeschrittenen Stadium der Zersetzung aller Konturen und Differenzierungen bereits gefaßt hin: von Anfang an war ja Beethovens raffinierte kontrapunktische Arbeit pastos und breiig eingedickt worden.Trotzdem vermochte der Segen der Sauce nicht alle der zahllosen kleinen Sünden wider den Buchstaben der Partitur zu verdecken: die Einsätze waren selten synchron, staccato notierte Figuren wurden gebunden, zwischen Sforzato und Fortissimo kein Unterschied gemacht, Pausen überspielt, ja sogar das erste Tenor-Solo des "Et incarnatus est" dem Chor-Tenor übertragen.Dagegen wäre nichts einzuwenden, wenn dabei eine faszinierende, in sich stimmige neue Lesart rauskäme.Aber Levines Lesart war offensichtlich nicht durchdacht: da er bei der Kreuzigung im "Credo" dynamisch schon sein ganzes Pulver verschoß, war eine Steigerung bei der darauf folgenden Auferstehung, dem eigentlichen Höhepunkt des Glaubensbekenntnisses, nicht mehr möglich; und weil er beim Allegro pesante im "Sanctus" schon mit Vollgas losdüste, konnte er 20 Takte später beim Presto des "Osanna" keinen Gang mehr zulegen.Aus einem logischen Kunstwerk wurde so der bare Unsinn. So schlecht wie nur möglich war auch das Solisten-Quartett zusammengestellt.Karita Mattila, Florence Quivar, Anthony Rolfe Johnson und Reinhard Hagen hatten stimmlich nichts miteinander gemein als ihr Vibrato, das im Falle der Altistin und des Tenors beängstigende Ausmaße annahm.Den Schlußakkord setzte ein voreiliger Buh-Rufer.Das war unhöflich, aber angebracht.Jede Ergriffenheit wäre reine Heuchelei gewesen.

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