Zeitung Heute : BSE: Das Erbe von Opfer Nummer 83

Hendrik Bebber

Man weiß nicht viel über Catherine Stephens. Es heißt, sie sei lebenslustig gewesen und attraktiv. Aber es gibt noch nicht einmal ein Foto von der jungen Frau, die als Assistentin in einer internationalen Personalvermittlungs-Agentur in London arbeitete. Insofern bleibt für die Öffentlichkeit von ihrem Leben wenig mehr festzuhalten als dass es nach 31 Jahren auf tragische Weise endete. In den Worten von "Coroner" Adrian Cotter bei der Anhörung in der mittelenglischen Stadt Walsall klang das ganz nüchtern: "Ich lege in meinem Urteil nieder, dass Catherine Ruth Stephens an einer Nierenbeckenentzündung und der neuen Variante der Creutzfeld-Jakob-Krankheit starb (vCJK)."

Der Fall von Catherine Stephens hat Pathologie-Geschichte geschrieben. Zum ersten Mal hat ein richterlicher Beamter, der nach englischem Recht in Fällen unnatürlichen Todes ermittelt, vermerkt, dass der tödliche Verlauf anderer Krankheiten durch vCJK beschleunigt werden kann. "Es ist von äußerster Wichtigkeit, dass die Todesursache vermerkt wird und weitere Untersuchungen dazu eingeleitet werden", mahnte der "Coroner".

In der britischen BSE-Statistik ist Catherine Stephens das 83. Opfer. Dem pathologischen Befund der Universitätsklinik von Birmingham zufolge begann ihre Leidensgeschichte im Dezember 1998 mit grippeartigen Symptomen. Dann bekam Catherine Stephens eine schwere Lungenentzündung, und auch nachdem ein Teil ihrer Lunge entfernt wurde, besserte sich ihr Zustand nicht. Sie starb schließlich, im August schon, an einer Nierenkomplikation. Nach ihrem Tod stellten Pathologen Anzeichen von vCJK in ihrem Gehirn fest.

Nach der Anhörung von Walshall ist klar, dass die britische Regierung vergeblich hofft, mit dem im Oktober veröffentlichten Bericht über Ursachen und Bekämpfung der BSE-Krise sei die Bevölkerung zu beruhigen. Das heißt aber nicht, dass die Briten das Vertrauen in ihr Rindfleisch verloren hätten. Nach der jüngsten dramatischen Entwicklung in Frankreich fordert die konservative Partei im Gegenteil einen sofortigen Einfuhrstopp für französisches Rindfleisch. Und das, obwohl der letzten konservativen Regierung unter John Major vorgeworfen wird, dass sie die BSE-Krise selbst durch Verschleierungen, Beschwichtigungen und Verzögerungen heraufbeschworen hat, obwohl in Großbritannien weit mehr Fälle von BSE aufgetreten sind als in Frankreich. In diesem makabren Wettstreit steht es 99 für Frankreich zu 1141 für Großbritannien.

Premierminister Tony Blair will allerdings keinen einseitigen Bann gegen französisches Rindfleisch verkünden, auch wenn Paris dabei umgekehrt keine Skrupel kannte. Auf die Insel, sagt er, gelange nur Fleisch, das den inzwischen strengen britischen Sicherheitsbestimmungen entspreche. Es dürfen nur Produkte importiert werden, die von Tieren stammen, die im Alter von unter 30 Monaten geschlachtet wurden.

Landwirtschaftsminister Nick Brown allerdings soll seinen Chef in einem Brief gewarnt haben, die Kontrolle von ausländischem Rindfleisch sei sehr schwierig. Besonders Würste, Fleischpasteten und tiefgefrorene Hamburger könnten Teile von älteren Kühen enthalten. Unternehmer der Fleischindustrie wie Hugh Leman schätzen, dass in den letzten fünf Jahren über eine Million Tonnen Fleisch eingeführt wurden, das nicht dem Standard entspricht.

Der 69-jährige Vater von Catherine Stephens reagierte trotz allen Wissens um Schlampereien und Gesetzeslücken mit einer bewundernswerten Gelassenheit. In Walshall dankte William Stephens den Gesundheitsbehörden für die Pflege seiner Tochter. Die Entschädigung, auf die er Anspruch hat, soll an eine Hilfsorganisation für BSE-Opfer überwiesen werden. Catherines Gehirn stellte er der Forschung zur Verfügung in der Hoffnung, dass es Aufschlüsse über die rätselhafte Krankheit geben wird. Vielleicht wird man doch einmal mehr wissen über Catherine Stephens. Oder zumindest über das, was ihr den Tod brachte.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar