Zeitung Heute : BSE-Krise: Der Platz am Traktor ist noch frei

Carsten Germis

Als in Berlin erste Gerüchte über einen nahen Rücktritt von Gesundheitsministerin Fischer die Runde machten, hielt Landwirtschaftsminister Funke in der Kleinstadt Hitzacker an der Elbe gerade eine kämpferische Rede. Sein Engagement galt denen, denen er sich stets besonders verbunden fühlte: den Bauern. Vor dem Saal standen die Traktoren am Straßenrand, drinnen saß das Publikum, das Funkes deftige Zitate mag, die er laut, mit voller, tiefer Stimme vorträgt. Eigentlich sollte es von dort zum Neujahrsessen des Bundeskabinetts nach Berlin gehen. Auch das ist etwas, was Funke gern mag. Gutes Essen, dazu ein kühles Bier und ein Korn.

Doch mit dem guten Essen in geselliger Runde wurde es an diesem Abend nichts mehr. Witze oder flotte Sprüche von der Sorte "Oldenburger Butter hilft dir auf die Mutter" hörten die Ministerkollegen an diesem Abend von "Kalle" Funke nicht. Das Essen wurde abgesagt, nachdem Fischer dem Kanzler ihren Rücktritt angekündigt hatte.

Spätestens als er diese Nachricht auf dem Rückweg von Hitzacker erfuhr, muss der Landwirtschaftsminister Funke gewusst haben, dass auch für ihn die Uhr abgelaufen war. Er selbst hätte sich wohl auch in der BSE-Krise gerne weiter durchgewurstelt, wie er das bei Problemen schon in der Vergangenheit getan hatte, als er von 1990 bis 1998 unter dem Ministerpräsidenten Schröder in Niedersachsen die Agrarpolitik bestimmte. "Wenn der Korn kalt ist, das Essen gut ist und es nicht reinregnet, soll man nicht die Kneipe wechseln", hat der bodenständige Politiker noch vor wenigen Tagen gesagt.

Doch nach Fischers Rücktritt hätte Bundeskanzler Schröder seinen Freund Funke auch dann nicht mehr im Amt halten können, wenn er gewollt hätte. Der bullige Landwirtschaftsminister wusste also, was zu tun war. Während sein Sprecher in Berlin Meldungen über einen Rücktritt des Ministers noch kurz angebunden mit den Worten "nichts dran" abtat, telefonierte Funke eifrig mit Kanzleramt und Kanzler. Das Ergebnis verkündete dann 40 Minuten nach dem Rücktritt Fischers Regierungssprecher Bela Anda: Auch Funke habe "seinen Rücktritt erklärt". Der Minister habe das getan, um dem Kanzler "freie Hand zu geben für einen Neuanfang". Dass er selbst vielleicht wirklich nicht der richtige Mann für diesen Neuanfang beim Verbraucherschutz in der Agrarpolitik war, weiß Funke.

Wenn er kämpfen will, wenn es um seine Überzeugungen geht, hebt sich sein massiger, sonst leicht zusammengesunkener Oberkörper. So auch, als er am Abend nach der Ankunft vor seinem Ministerium in Berlin im Dunkeln vor die wartenden Fernsehteams tritt. Er wolle noch etwas sagen. Ihn "ganz persönlich" habe die "Auseinandersetzung um die Neuausrichtung der Agrarpolitik durchaus beschwert".

Und doch wirkt er erleichtert dabei. Jetzt kann er zurück in seinen Geburtsort Dangast am Jadebusen, wo seine Frau Petra den Hof mit 30 Hektar Land, 40 Rindern, Ziegen, Schafen und freilaufenden Hühnern bewirtschaftet. "Jeder weiß, ich bin sehr bodenständig. Ich fühle mich in Niedersachsen unheimlich wohl", hat Funke auch als Minister immer wieder gesagt. Weshalb er eigentlich gar nicht nach Berlin wollte. Er ist nur gegangen, weil Schröder ihn bedrängt hat. "Du musst", hat der gesagt, und "Kalle" Funke ist ihm nach Berlin gefolgt. Er sah nicht nur aus wie ein richtiger Landwirt, er ist mit ganzer Seele auch stets einer gewesen. So einen wird Schröder als Nachfolger wohl nicht mehr finden. Muss er allerdings auch nicht, denn die Abkehr des Kanzlers von der bisherigen Agrarpolitik verlangt nach anderen Typen.

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