Zeitung Heute : Bublitchki

THOMAS LACKMANN

Artur Brauner singt "Heimat-Lieder" in der Bar jeder Vernunft Eine Schnur mit 48 Brezelchen hängt an dem Standmikrofon auf der leeren Bühne, als die seltsam offenherzige, doch nicht peinlich inszenierte Familienfeier zur Neige geht.Während der Kern des Clans und einige der assoziierten Künstler an zwei, drei Tischen abhängen.Während das Publikum, ältere Herren mit hellem Anzug oder ausnehmend blonder Begleitung, die Kameraleute, unauffällige oder bißl aufgedonnerte Kultur-Schlachtenbummler sowie weitere Kreise der Verwandschaft und Bekanntschaft den Ort des events verlassen.Otto Sander, Stammgeist des Etablissements, hält an seinem markierten Thekenplatz die Beobachter-Stellung; Berlins berühmtester Nachtclub-König Rolf Eden ist im strahlenden Zwirn etwas verloren herumgelaufen.Für Stunden verwandelte sich die Bar jeder Vernunft, das altmodische Spiegelzelt auf dem Parkdeck am Fasanenplatz, in einen jüdischen Salon der 90er.Mit der bei offiziellen Anlässen aufgesetzten Verbindlichkeit des West-Berliner Establishments hatte die Atmosphäre des Abends wenig gemein.Am Anfang eine "Kalinka", durch viele Tonarten taumelnd.Am Ende "Schwarze Augen".Heimatabend aus der Retorte? Ein Heimspiel. Artur Brauner singt.Wodka.Fliegende Gläser."Fast die ganze Familie ist hier," sagt seine Nichte Sharon.Die erblondete Sängerin, bisweilen im Nachtprogramm der Bar auf-, heute zur Verstärkung des Onkels angetreten, prostet ohne Unterton: "Auf daß sich die ganze Welt so liebt wie wir uns!" Sie steckt in einem schwarzen Lackkleid, doch zweimal in 15 Minuten umgezogen hat sich der 79jährige Film-Tycoon an ihrer Seite.Weißes Hemd.Dann gelb-orange Bluse.Dann weißer Anzug.Die Diva heißt Atze. Was bringt einen alten Mann, der nach eigener Beurteilung nicht singen kann, zu einem Folklore-Auftritt mit "Liedern seiner Heimat(en)"? Brauner selbst kommentiert, er unterstütze nur die russischen Band "Rasputin", die ihn mit Balalaikas, Akkordeons und Xylophon begleitet, in bunte Kittel gehüllt, Technicolor! Ein Team, das abgenudelte Evergreens so differenziert und zart zu arrangieren weiß, daß die Seele der Volkskunst mit den Flügeln schlägt.Wenn Sängerin Schura im Kopftuch dazustößt, kommt das russische Dorf in Wilmersdorf an.Heij! Auf der Bühne tummeln sich außerdem der ukrainische Geiger Yakov und die rumänische Sängerin Joana.Artur selbst stammt aus Lodz und seine gestrenge Gattin, der er ein Minnelied widmet, bis sie ihm ein Küßchen aufdrückt, aus Galizien.Osteuropa gibt sich hier ein Stelldichein; die Stadt der assimilierten Nachkriegs-Ankömmlinge feiert mit der multiethnisch aufgemischten Neu-Metropole der Straßenmusiker und Glücksritter auf dem Podium des halbseidenen Kleinkunsttempels: das Heute.Das Gestern. "Le Chaim": auf das Leben! Applaus, Stimmung.Chaim-Spiel! Wo ist die Heimat des Artur Brauner? 1946 ist er in Berlin angekommen, dieser Abend muß beweisen, daß man ihn mag in der Stadt."Bei mir biste scheen" swingen Sharon, Joana, Atze, mit viel "babidibab" und Hüftwackeln, eine holperige Session, ein Überlebenslied, geröhrt, ausgekostet mit ungestümem Überlebens-Rochus: "Bei mir bist du alles auf der Welt!" Ausgelassenheit, Beifall, Zugabe."Wollt ihr den totalen Krieg?", fragt Brauner sorglos sarkastisch sein Publikum; er heißt nicht Juhnke, die Bar ist kein Sportpalast.Aber ein netter Alt-Linker zuckt zusammen: bittet den Rezensenten, das nicht weiterzutragen.Wenn einer die Berliner sowas fragen darf, dann ist es Atze, von dessen Familie wenige überlebten.Er singt vom verschwundenen Stetl Belz und schließlich "Bublitchki"; das habe die Großmutter dem Fünfjährigem gesungen, "habe ich bis heute behalten, mit einer Unterbrechung von 60 Jahren".Die Melodie ist fein, sehnsüchtig, ein Paradiestänzchen, das direkt ins Herz geht.Dabei handelt der Text nur von Brezelchen, und die hat Artur Brauner mitgebracht.Kindererinnerungen: an die Köstlichkeit vergangener Tage; nur wenn man sie anfaßt, die Bublitchki, die jetzt auf der Bühne baumeln, sind sie troêken und hart.THOMAS LACKMANN

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