Zeitung Heute : Buchdruck "on demand"

"Das Buch ist vergriffen und wird nicht mehr aufgelegt".Diese Auskunft werden Kunden von ihrem Buchhändler schon bald nicht mehr hören.Books on demand oder deutsch: Bücher auf Abruf lautet das Zauberwort, mit dem Konzerne wie IBM und Xerox den Buchdruck revolutionieren wollen.Auch Bücher aus Kleinauflagen sollen künftig überall und jederzeit in Deutschland zur Verfügung stehen.Mit Hochdruck wird derzeit der digitale Buchdruck eingeführt, der bereits den Druck eines einzigen Exemplares wirtschaftlich machen soll.

Sechs digitale Bücher hat der Hamburger Buchgroßhändler Libri derzeit im Programm.Schon im nächsten Jahr will Deutschlands zweitgrößter Grossist rund 2000 Titel anbieten, die jederzeit im eigenen Haus minutenschnell ausgedruckt werden können."Wir verhandeln zur Zeit mit über 200 Verlagen, und fast alle sind begeistert", sagte Libri-Manager Joachim Desler anläßlich der Frankfurter Buchmesse.

Beim Digitaldruck wählt der Kunde per Online-Bestellsystem seinen Wunschtitel.Die Order geht an einen Druckerei-Computer, in dem die Bücher digital gespeichert sind.Der errechnet den Papierbedarf und wählt den Umschlag aus.Nach einer Minute ist das Buch gedruckt, wird anschließend gebunden und über Nacht an den Kunden oder die Buchhandlung verschickt.

"Viele Bücher kommen gar nicht in den Handel, weil die Verlage das wirtschaftliche Risiko durch den teuren Offsetdruck bei Erstlingswerken oder spezieller Fachliteratur fürchten", sagt Gesler.Immerhin seien 1996 rund 40 Prozent aller produzierten Bücher verramscht worden.Zudem erspare das neue Verfahren den Verlagen immense Lagerkosten.

IBM, das seine Technik derzeit auf der Buchmesse präsentiert, hat mit dem Sächsischen Druck- und Verlagshaus zu Jahresbeginn das nach eigenen Angaben modernste Digitaldruckzentrum Ostdeutschlands eingerichtet.Der Jahresumsatz von derzeit noch 200 000 Mark soll bereits 1999 auf vier Millionen Mark steigen.

Rund 1,4 Millionen Mark kostet die IBM-Anlage, die bis zu 600 Seiten pro Minute druckt.Rund 60 Bücher pro Stunde schafft die Xerox-Pilotanlage, die bei Libri installiert ist.Bis Mitte 1999 soll die 1,5 Millionen Mark teure Druckerei bundesweit auf den Markt kommen.

"Die Industrie träumt schon lange davon, Buchauflagen unter 1000 Stück schnell und wirtschaftlich zu produzieren", sagt IBM-Sprecherin Petra Borell.Auch Xerox-Manager Richard Merzdorf ist überzeugt, daß das neue Verfahren den Verlagen neue Möglichkeiten eröffnet.Immerhin sollen nicht nur künftige Bücher, sondern auch viele bereits erschienene Titel digitalisiert werden und so dem Leser wieder zur Verfügung stehen.Von Konkurrenz der Medien also keine Spur.

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