BUCHPREMIEREArno Geigers Porträt seines dementen Vaters : Elegie für August

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„Das Leben ist ohne Probleme auch nicht leichter.“ Was für ein Satz, weise, gewitzt, tröstlich absurd! Er könnte von Robert Gernhardt stammen, doch gesagt hat ihn ein Mann, der bis vor kurzem keine öffentliche Person gewesen ist: August Geiger, der Vater des österreichischen Schriftstellers Arno Geiger. Seit 15 Jahren ist er an jener Form von Demenz erkrankt, die man die Alzheimer’sche Krankheit nennt. Nun wird er mit dem Buch seines Sohnes zur literarischen Figur. „Der alte König in seinem Exil“ ist ein zauberhaftes Werk. Es ist dem Leben abgelauscht und doch auf unangestrengte Weise kunstfertig. Ohne Gattungsbezeichnung kommt es aus und enthält romanhafte Elemente, kluge Sentenzen, leise Poesie und nicht zuletzt Szenen, wie man sie auch im Theater gern einmal sehen würde, so dringlich wahrhaftig und trefflich stilisiert, wie das einst üblich war, von der antiken Tragödie über Shakespeare bis hin zu Samuel Beckett.

Arno Geiger macht das so unauffällig, dass man dieses kleine große Buch für kunstlos halten kann. Wie sprachliche Fähigkeiten im Kopf eines Alzheimerkranken überdauern, während alltagspraktische Fertigkeiten fast ganz verschwinden, hat schon John Bayley in „Elegie für Iris“ über die Erkrankung seiner Frau, der irischen Schriftstellerin Iris Murdoch, dargestellt. Bei August Geiger ist das noch verblüffender. Zeit seines Lebens ein ehrlicher Mensch, wird er als Kranker zum Meister der Ausreden voller Witz und sprachlicher Eleganz. Nur wer an Sprache interessiert ist, kann entdecken, dass die Krankheit nicht nur zerstört, sondern, wenn auch nur für Momente, Neues hervorbringt. Nun stellt er sein Buch im Gespräch mit Dirk Knipphals vor. Meike Fessmann

Akademie der Künste, Mi 16.2., 20 Uhr, 5/3 €

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