BUCHPREMIEREBriefe von Bertolt Brecht und Helene Weigel : Autodidakt im Haushalt

Hannes Schwenger

„Mann ist Mann“, so heißt bekanntlich ein Stück von Brecht, aber es könnte genauso gut ein Stoßseufzer seiner Frau Helene Weigel über ihren untreuen Ehemann gewesen sein. Oder über sein Ungeschick im Haushalt, das er – wie die meisten seiner Affären – auch gar nicht leugnete. Er lerne erst jetzt, schrieb er ihr im Februar 1946 aus New York, zu spülen, zu fegen, Rühreier und Suppen zu machen, „alles als autodidakt. Ich fühle mich dir sehr gewogen, wenn ich gläser spüle, daß du das nun so lange gemacht hast, unter anderem.“

Liest man den ganzen Briefwechsel der beiden von 1923 bis zu Brechts Tod 1956, der erst jetzt – soweit bekannt – komplett erschlossen ist, kann man getrost ergänzen, dass Helene Weigel trotz seines treuherzigen Danks weiter für Brechts häusliches Wohlergehen zuständig blieb. Selbst als sie 1953 „wegen privater Differenzen“, so Erdmut Wizisla, der Herausgeber des Bands, aus der gemeinsamen Wohnung in Weißensee auszog und Brecht seine Stadtwohnung in der Chausseestraße 125 bezog, machte sie sich schon wieder Sorgen um sein Befinden dort: „Ist der Ofen groß genug? Ist in der Wohnung – vielleicht im kleinsten Raum – kombiniert Bad und Küche zu machen? Ich bin doch recht bedenklich mit Klo auf der Treppe.“ Schon ein Vierteljahr später sind die beiden – nach gemeinsamen Proben für „Die Mutter“ in Wien – wieder in der Chausseestraße vereint. Die Germanistin Barbara Hahn stellt die unter dem Titel „ich lerne: gläser + tassen spülen “ erschienene Korrespondenz nun im Gespräch mit Erdmut Wizisla vor. Und Katharina Thalbach und Ulrich Matthes (unsere Fotos) bringen noch einmal Leben ins symbiotische Verhältnis des Ehepaares Brecht. Hannes Schwenger

Berliner Ensemble, Mi 7.11., 20 Uhr, 7 €

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar