BUCHPREMIEREDaniel Kehlmanns Episodenroman „Ruhm“ : Netz und Spiegel

Gregor Dotzauer

Um Himmels willen, möchte man ausrufen, wie kann einer nur noch einmal die ganze postmoderne Spielzeugkiste ausschütten. Muss man als Erzähler sich und seinen Figuren tatsächlich so hemmungslos in die Parade fahren, um den Illusionscharakter der eigenen Kunst zu betonen? Wer sich nur die Idee hinter den neun miteinander verketteten Episoden von Daniel Kehlmanns Roman „Ruhm“ (Rowohlt) aus des Autors Munde anhört, muss zumindest zugeben, dass sich große Teile der deutschen Literatur mit dumpfer Seelenruhe über jede Erschütterung ihrer Selbstgewissheiten hinweggemogelt haben. Die Einsicht in das Gemachte ihrer Wirklichkeit scheint wenig verbreitet.

„Ruhm“, erklärt Kehlmann zur Hörfassung seines Romans mit Ulrich Matthes und Nina Hoss (DG), „ist eine Fantasie über Zusammenhänge, ein Spiel mit Verbindungen, ein Rorschachtest, dessen Flecken keine vermeintlichen, sondern tatsächliche Muster ergeben, ein System verbundener Spiegel, in dem die gleichen Motive, Figuren und Konstellationen einander in unterschiedlicher Gestalt gegenüberstehen.“ Nach Kehlmanns Welterfolg „Die Vermessung der Welt“, der von Alexander von Humboldt und Carl Friedrich Gauß erzählte, ist „Ruhm“ ein prononciert gegenwärtiges Buch, das sich mit den Verstrickungen des Menschen in Internet und Handy befasst – und den Geschichten, die sich daraus ergeben. Im BE stellt Kehlmann seinen Roman nun im Gespräch mit Sebastian Kleinschmidt vor, mit dem er zuletzt den Gesprächsband „Requiem für einen Hund“ veröffentlichte. Es liest Ulrich Matthes. Gregor Dotzauer

Berliner Ensemble, Mo 19.1.,

20 Uhr, 15 €

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