Zeitung Heute : Buchtipps von Gregor Dotzauer

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LIEBLINGSBUCH

George Steiner: Warum Denken traurig macht. Zehn (mögliche) Gründe. Aus dem Englischen von Nicolaus Bornhorn. Nachwort von Durs Grünbein. Suhrkamp, Frankfurt a. M. 2006. 91 S., 14,80 €.

Ein Versuch, „das Denken zu denken“ – innerhalb der eigenen Grenzen. Und eine Streitschrift gegen die Naturwissenschaften, die es aufs Physiologische reduzieren. Trotz aller Melancholie ein Stück fröhliche Wissenschaft: In der Schwäche des Denkens liegt auch seine Kraft.

SCHNELLES VERGNÜGEN

Stefan Gärtner: Man schreibt Deutsh. Hausputz für genervte Leser. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 2006. 188 Seiten, 10 €.

Sprachkritik ist immer Besserwisserei. Doch wenn man sie so böse und charmant betreibt wie der „Titanic“-Redakteur Stefan Gärtner, bietet sie neben Erkenntnis auch hinreißende Unterhaltung. Eine Abrechnung mit journalistischen Flachseglern wie Hans-Ulrich Jörges und literarischen Totalausfällen wie Tanja Dückers. Vergesst Bastian Sick, lest Gärtner!

KLASSIKER

Die Welt des Jan Himilsbach. Erzählungen. Herausgegeben, aus dem Polnischen übersetzt und mit einem Nachwort von Martin Sander. dtv premium, München 2006. 197 Seiten, 14,50 €.

Er war ein Erzähler, Schelm und Suffkopf ersten Ranges – und ist für die Polen bis heute ein verrückter Heiliger. Jan Himilsbach, 1988 knapp sechzigjährig gestorben, beschwört in seinen rauen Geschichten ein armes Land mit blank liegendem Lebensnerv herauf.

AUGEN- UND OHRENWEIDE Gershom Scholem: Die Erforschung der Kabbala. Originalaufnahmen 1967. Hg. von Thomas Knoefel und Klaus Sander. supposé, Köln 2006. 2 CDs, 24,80 €.

Ein autobiographischer Bericht über die Entdeckung der jüdischen Mystik aus dem Geist des säkularen Judentums. Das Leben des großen Religionswissenschaftlers zwischen seiner Berliner Kindheit um 1900 und der Professur in Jerusalem. Vorgetragen in freier, jedes Wort sorgfältig abwägender Rede. Ein einzigartiges Fundstück.

ZUM SCHLAUWERDEN

Tony Judt: Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart. Aus d. Engl. v. Matthias Fienbork u. Hainer Kober. Hanser, München 2006. 1056 S., 39,90 €.

„Postwar“ heißt dieses glänzend geschriebene Werk im Original: über eine Epoche, die nun erst an ihr Ende gekommen ist. Judt verbindet Politisches mit Sozial- und Geistesgeschichte – bis in die Populärkultur hinein. Und er liest erstmals enzyklopädisch die Schicksale von West- und Osteuropa zusammen. Historiographie mit Romanqualitäten.

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