BUCHVORSTELLUNGOtto Rosenbergs Erinnerungen : Wolken ziehen vorüber

Hauke Rehbein

Erst nach 50 Jahren fand er, ein überlebender deutscher Sinto, die Kraft für sein Erinnerungsbuch „Das Brennglas“ (Verlag Klaus Wagenbach). Otto Rosenberg, 1927 im ostpreußischen Draugupönen geboren und 2001 in Berlin gestorben, erzählt von einer unbeschwerten Kindheit an der Spree, bevor die braune Wolke des Nationalsozialismus den deutschen Himmel verdüsterte.

Ulrich Enzensberger (unser Bild), der Rosenbergs Worte aufgezeichnet hat, stellt nun die um viele Fotos bereicherte Neuauflage des Buches vor, in der Rosenberg in einfachen Worten berichtet, woher er und seine Familie kamen, wo er aufwuchs. Er erinnert sich an den Wohnwagen bei der Großmutter in Berlin – und an das Zwangslager auf den Rieselfeldern von Marzahn, wohin er als Neunjähriger zusammen mit allen in Berlin greifbaren Sinti und Roma 1936 von SA und Polizei verschleppt wurde. Dort wurde er von NS-„Rassenforschern“ untersucht. Schließlich kommt jenes Brennglas ins Spiel, mit dem er bei seinen Brotzeiten spielte und dessentwegen er schließlich ins Gefängnis kam: Der damalige Leiter der Dienststelle für Zigeunerfragen im Berliner Polizeipräsidium in der Dirksenstraße verschickte ihn am 14. April 1943, kurz vor seinem 16. Geburtstag, in einem Waggon voller Kinder nach Auschwitz. Rosenberg selbst kam dann nach Buchenwald, Dora und Bergen-Belsen – und überlebte. Vom Weiterleben in Deutschland berichtet Rosenberg erschütternd lakonisch. Edgar Hilsenrath erklärte 1998, Rosenbergs Erinnerungen schlössen eine Bildungslücke. Im Buchhändlerkeller kann man sich davon überzeugen, dass dieses Wort auch dramatisch aufgeladen sein kann. Hauke Rehbein

Buchhändlerkeller, Di 15.1., 20.30 Uhr, 5/3 €

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