Zeitung Heute : Bücher, die man nicht schließen darf

GERD APPENZELLER

Wer sieben Jahre nach dem historischen Datum 9.November fehlende Gemeinsamkeiten beklagt, hat Überforderndes zum Maßstab seiner Hoffnungen gemacht VON GERD APPENZELLER

Es stimmt wohl doch, daß die Deutschen, was immer sie anpacken, gründlich tun - einschließlich des Verdrängens.Sieben Jahre nach dem Tag, an dem die Ost-Berliner sich die Mauer öffneten, herrscht in der Stadt Rätselraten, wo das steinerne Ungetüm eigentlich gestanden habe.Man überlegt und verwirft Markierungen des vermeintlichen Verlaufes.Ein kupfernes Band ist im Gespräch, eine aufgemalte Linie, gar eine fast künstlerische Installation, die auf einer Teilstrecke dem Auge Orientierungshilfe geben soll.Intellektuelle und Politiker, Wohlmeinende und Besserwisser, erteilen sich Ratschläge in der Ratlosigkeit.Konservatoren bedenken technische Möglichkeiten, die kümmerlichen Reste vor dem Verfall zu retten und vor jener Spezies der Berliner, die alles beschmiert.Und natürlich wird es auch bald ein Mauermuseum geben, denn die Mauer, die ist wirklich (fast) weg.Abgetragen, stückweise an wohlhabende Institutionen versteigert oder tausendbröckchenweise an Touristen verkauft, durch die Steinmühle gejagt, kurz: einer vernünftigen Verwendung zugeführt.632.000 Tonnen Mauerschutt nahmen gar die Straßenbauer ab.Thema erledigt? Nein.Alles spricht dafür, daß es uns mit der Mauer und der Teilung, mit der DDR und der Bundesrepublik alt, der innerdeutschen Zeit zwischen 1961 und 1989 also, ergehen wird wie mit dem Nationalsozialismus und dem Holocaust, wie mit Hitler und dem großdeutschen Wahn von 1933 bis 1945: Die Deckel der Geschichtsbücher, in die wir das alles auf ewige Zeit hineingeschrieben und gut verwahrt glaubten, springen irgendwann auf und die Enkel stellen die Fragen, die die Söhne nicht zu stellen wagten, weil die Schatten der Väter noch zu mächtig waren.Vielleicht haben die Lehren nach dem Schweigen am Ende der ersten Diktatur uns ja auch klüger gemacht und unsere Sinne geschärft für die Aufklärungen, die nach dem Ende der zweiten Gewaltherrschaft (die mit der ersten nicht gleichgesetzt werden kann) zu fordern sind.Aufklärung im sachlichen und geistesgeschichtlichen Sinn ist ohnedies für die meisten Menschen das geeignetere Mittel der Auseinandersetzung mit den Jahren des geteilten Landes als Abrechnung.Die mögen Gerichte vornehmen mit denen, die die Gesetze der Humanität im strafrechtlichen und nicht nur im übertragenen Sinne brachen.In diesem aber gibt es in Deutschland ziemlich viele Schuldige, hüben wie drüben, wenn man das Diesseits und das Jenseits der angeblich nicht mehr zu ortenden Mauer so bezeichnen darf. Zur Aufklärung gehört auch das Eingeständnis, daß der 9.November 1989 selbstverständlich keine Stunde Null war, so wenig, wie es der 8.Mai 1945 gewesen ist.Die Prägungen und frühen Sozialisationen wirken über die getrennte Vergangenheit in die gemeinsame Zukunft fort.Es gab, so die ebenso zutreffende wie banale Analyse einer "Kommission für die Erforschung des sozialen und politischen Wandels in den neuen Bundesländern", starke Kontinuitäten mit den Verhältnissen und Erlebnissen in der früheren DDR.Wie auch nicht und nicht nur dort, möchte man anfügen.Wer also sieben Jahre nach dem historischen Datum fehlende Gemeinsamkeiten beklagt, hat Überforderndes zum Maßstab seiner Hoffnungen gemacht.Auch dafür gibt es eine Erklärung: Wir haben sehr wenig über uns gewußt, über unseren Alltag und über die Bedingungen, unter denen der andere lebte.Für den Westdeutschen war der Osten so mausgrau, wie ihn sich mancher bundesrepublikanische Politiker noch heute gerne herabschattiert.Die DDR-Bürger sahen zwischen dem bröckelnden Putz auch ihre kleinen Nischen.Vor allem aber sahen sie von der Bundesrepublik nur den Glanz und nicht die Ruppigkeiten im menschlichen Umgang, auch nicht die unerfreulichen Kehrseiten einer auf den ersten Blick allüberall prosperierenden Gesellschaft. Da nun aber jeder vom anderen weiß, was er früher nicht sehen wollte, ist der 9.November gut, sich daran zu erinnern, wie es bis zum 8.November 1989 war.Die "alte" Bundesrepublik kannte einen jährlichen Bericht an das Parlament, der den Titel "Zur Lage der Nation im geteilten Deutschland" trug.Vielleicht sollte man diese Tradition mit geänderter Vorgabe erneut beleben - mit einem Bericht zur Lage der Nation im vereinten Deutschland, damit wir nicht vergessen, wo die Mauer stand...

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