Zeitung Heute : Bücher sind Dynamit

CAROLINE FETSCHER

Heute ist der Todesstag Shakespeares und der Todestag von Cervantes.Zum "Welttag des Buches" wurde er deshalb erkorenVON CAROLINE FETSCHER"Welttag": Megavokabel.Welttage, sind meist gewidmet irgendwelchen Marginalisierten - Kindern, Frauen oder Aidskranken..Danke, schon gut, würde der Chor der Geehrten rufen, bekäme er ein Megaphon.Solange nicht jeder Tag der Tag der Frauen oder der Tag der Kinder ist, was gewinnen wir? Jedenfalls darf am Welttag über den unzeitgemäß erscheinenden Gegenstand Buch nachgedacht werden.Während Buchhandlungen und Bibliotheken Gratis-Lesestoff verteilen, während in 120 Ländern der Erde Autoren und Publikationen gefeiert werden - Spaniens Buchhandel erzielt an diesem Tag zehn Prozent des Jahresumsatzes! -, kann man daran erinnern, daß es immer noch Analphabeten gibt - im zivilisierten Deutschland etwa vier Millionen.Der Welttag des Buches, das ist ein Blatt seines Programms, ist der Welttag derer, die keinen oder nur eingeschränkten Zugang zum Buch haben. Bücher sind Sprengstoff, denn sie brechen im Lesenden Diskussionen mit ihrem Inhalt vom Zaun.Bücher vermitteln Analyse und Empathie, Zorn und Zukunftsarchitektur, Staunen, Verstehen, Rechtsbewußtsein."Sie sind also die kleine Frau, die den großen Bürgerkrieg angezettelt hat", soll Abraham Lincoln zu Harriet Beecher Stowe gesagt haben, der Autorin von Uncle Toms Cabin.Das Buch hatte dafür gesorgt, daß sich Hunderttausende in die Lage des Leibeigenen versetzen und mitempfinden konnten, was im Alltag unmöglich war. Onkel Toms Hütte oder das Kommunistische Manifest, die Gutenberg-Bibel oder Flugblätter gegen das Nazi-Regime: Zwar hatten auch vorschriftliche Gesellschaften ihre poetischen Weisen der Wissensverbreitung, aber es handelt sich dabei um das Tradieren von Mythen, um Bausteine für die Fundamente der Macht.Die Schrift ist ein kultureller Quantensprung, ihre Verbreitung eine Revolution, ohne die Teilhabe an einer demokratischen Gesellschaft nahezu ausgeschlossen ist.Erst mit der Möglichkeit, dem Gedächtnis und den Gedanken Anderer zu begegnen, werden lokale, hermetische Mythen entmachtet wie Ängste gelöst.Lesen bleibt immer gefährlich für den Status Quo.Mithin mißtrauen Diktaturen und sogenannte Einparteiensysteme dem Buch. Von allen Katastrophenmeldungen eine der schlimmsten der letzten Zeit ist die Nachricht über das Schließen der Mädchenschulen durch die Taliban.Jemanden nicht lesen und schreiben lernen zu lassen, ist eine Form der sozialen Ermordung und der seelischen Inhaftierung.Lesenkönnen heißt einen Welthafen betreiben, in dem Schiffe aus allen Ländern andocken können.Lesen, ungehindert und kritisch alles lesen dürfen, ist seelischer und politischer Welthandel, Handlungsantrieb, Anstiftung zu Fragelust, Abschied von imaginären Mustern, wie sie jede Kindheit generiert.Erwachsenseindürfen ist Lesen und Sichentfalten, indem man Bücher auffaltet.Jeden Tag. Das ist das - säkular - Magische am Lesen: Wer es einmal beherrscht, kann es nicht verlernen.Es gibt kein Zurück in die Unschuld und Verantwortungslosigkeit der Vorlese-Zeit oder Vor-Lesezeit.So wie zur Demokratie das Wahrnehmen von Geschriebenem gehört, alles zwischen Comic und Internet, wie die verdichteteste Form, das Buch, genauso gehört zum Lesenden die Verantwortung.Darin ist Antwort enthalten: Lesen löst Frage-Antwort-Kaskaden aus, die nie aufhören. Wer Gelder streicht, für Bibliotheken und Lehrmittelfreiheit, baut einen Staudamm gegen diese Kaskaden.Das zu begreifen lädt der "Welttag des Buches" ein.

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