Zeitung Heute : Bücher übers Telefon

GUNTER BECKER

Der Online-Buchhandel ist eine der "Tellerwäscher-zum-Millionär"-Geschichten der 90er Jahre.Allein Branchenriese Amazon.com hat mit dem schnellen Klick ins virtuelle Regal 1997 über 147 Millionen US-Dollar umgesetzt.Der Boom kommt nicht von ungefähr: globale Player wie barnesandnoble.com und Amazon locken die Leser mit einem veritablen Rundumservice in ihre Netfilialen.Datenbankrecherche, aktuelle Rezensionen und individualisierte Lesetips gehören mittlerweile zum "state of the art".

Bei soviel digitaler Dienstleistung ist es fast ein Anachronismus, daß dann Tage später ein Buch aus Pappe und Papier im Briefkasten landet.Das soll sich bald ändern.In den USA und auch in Deutschland setzen Firmen zur Jahrtausendwende verstärkt aufs digitale Lesevergnügen: das Buch für den PC oder für spezielle elektronische Endgeräte soll in diesem Jahr den Markt erobern.

Von Hamburg aus versucht die Firma Brainfuel ( www.brainfuel.de ) mit ihrem Unternehmen Digibuch die Tür zum deutschen Lesepublikum aufzustoßen."Digibuch wurde im August 1997 als Versuchsprojekt im Rahmen der Frankfurter Buchmesse gestartet.Die Resonanz war so positiv, daß wir beschlossen haben eine Firma zu gründen", berichtet Brainfuel-Geschäftsführer Norman Böhe.

Das Geschäftsmodell ist denkbar einfach: Digibuch verwandelt Printtitel in PDF-Dateien - ein gängiges Format zur Darstellung von Dokumenten - und legt die dann auf einem Server im Internet ab ( www.digibuch.de ).Der Leser lädt sich die Titel dort herunter und liest sie gleich am PC-Monitor.Konsumentenfreundlich ist die Handhabung der PDF-Bücher dank der verbreiteten Software Acrobat Reader von Adobe.Man kann mit ihr in den Texten blättern, kann Textstellen suchen, markieren, verlinken und leicht wiederfinden.Aktuelle Internetbrowser von Netscape und Microsoft unterstützen den Acrobat Reader als Standard Plug-in.Mit der Hälfte des Preises sind Digibücher wesentlich preiswerter als die Print-Copys - sind sie deshalb für Verlag und Autor nicht auch ein Minusgeschäft?

Böhe wehrt ab: "Der Verkaufspreis ist zwar geringer als beim Print, die Gewinnspanne für Autor und Verlag jedoch ungleich höher.Hier sind noch nicht einmal die Kosten für eine Vertriebsmannschaft hineingerechnet.Außerdem erfolgt die Lizenzvergabe an Digibuch nicht exklusiv, so kann jeder Autor oder Verlag seine Werke weiter lizensieren."

Das digitale Buch ist immer und überall verfügbar.Es kann via Mail verschickt, auf Diskette kopiert und so natürlich auch unkontrolliert verbreitet werden.Besteht nicht die Gefahr, daß es so - einmal verkauft - auch illegal in Umlauf kommt, über Mailinglisten und private Websites verteilt wird, statt über den bezahlten Handel?

"Nein", stellt Böhe klar, "das Buch wird mit dem Namen des Käufers personalisiert, Copy- und Urheberrechte werden implementiert, ein Wasserzeichen eingefügt (welches sich hinterher im WWW wiederfinden läßt) und zum Schluß paßwortgeschützt." Ein Nachteil des Brainfuel-Projekts ist das schmale Angebot.Bisher umfaßt das Digibuch-Sortiment ausschließlich Lösungsbücher für Computergames.In den nächsten vier Wochen soll, so Böhe, allerdings "drastisch" ausgebaut werden.Dann sollen auch EDV-Bücher, Fantasy-Romane und Nachschlagewerke online verfügbar sein.

Zudem ist die Nutzung der in den USA bereits gebräuchlichen "electronic books" als technische Plattform für die digitalen Bücher geplant.Diese Palm Pilot-ähnlichen Endgeräte - nicht größer und nicht schwerer als ein physisches Buch - können Tausende von digitalisierten Buchseiten speichern und bequem handhaben."Wir stehen in Verhandlung mit Everybook ( www.everybk.com ) und seinem Ebook, da dieses auch auf dem PDF-Format aufsetzt.Bis Ende des Jahres werden wir Titel für elektronische Bücher anbieten und möglicherweise zusammen mit der Hardware verkaufen" verspricht Böhe.Ob das elektronische das papierne Produkt irgendwann einmal ganz ablösen werde?

Zum jetzigen Zeitpunkt ist das reine Spekulation und Science Fiction.Nur in einem Punkt ist sich der umtriebige Brainfuel-Geschäftsführer sicher: "Elektronische Fachliteratur wird kommen, Belletristik nicht" urteilt er kategorisch.Teure Fachbücher und Nachschlagewerke, die in der digitalen Ausgabe billiger, besser zu durchsuchen und zu nutzen seien, gebe es irgendwann nur noch auf dem Monitor daheim - doch das gute Buch aus der Telefonbuchse bleibt wohl noch Zukunftsmusik.

Links zum Thema

www.digibuch.de

www.nuvomedia.com

www.softbook.com

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