Zeitung Heute : Bücherecke: Ende der Anonymität

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1949 erschien George Orwells Roman "1984"; die Zukunftsgroteske beschrieb den Alptraum eines totalitären Überwachungsstaates, der seine Bürger bis in den letzten Winkel der Wohnung ausspioniert. Ist der weltbekannte Orwellsche Slogan "Big Brother is watching you" im Roman noch die Beschreibung einer erschreckenden Utopie, scheint die staatliche Überwachung im 21. Jahrhundert bereits bedenkliche Ausmaße anzunehmen, wie das Buch von Christiane Schulzki-Haddouti "Vom Ende der Anonymität" aufzeigen möchte. Telefonüberwachung, Auswertung von E-Mails oder Logfiles im Internet: Längst ist der Schritt hin zum gläsernen Menschen gemacht.

Die Herausgeberin Schulzki-Haddouti, Computer-Journalistin und seit Jahren Autorin für das Online-Magazin Telepolis, hat zum Thema Überwachung eine übersichtliche Mischung zusammengestellt: Neben den verdeckten Aktivitäten der Polizei und Geheimdienste mit Europol beziehungsweise Enfopol, die Stefan Krempel und Thomas Mathiesen aufzeigen, beschreibt Florian Rötzer, ebenfalls Autor von Telepolis, Zukunftstechnologien zur Bespitzelung auf. Tony Geragthy und Detlef Nogala stellen die Bedrohung für die Zivilgesellschaft dar, außerdem wird in Nicky Hagers Beitrag die Frage aufgeworfen, ob eine Aufklärung solcher Spionagetätigkeiten für die Bevölkerung überhaupt möglich ist.

Die Beiträge selbst richten sich nicht nur allein an Computer-Experten. Die informative und lesbare Zusammenstellung macht vielmehr deutlich, wie real die oftmals als diffus empfundenen Überwachungsängste sind und welche Trends Anlass für weitere Befürchtungen sein müssten. Regelmäßigen Lesern von Telepolis dürften allerdings einige Beiträge bereits bekannt sein.

Die Kritik der Autoren richtet sich neben der Verselbständigung von Geheimdiensten, die sich parlamentarischer Kontrolle entziehen, auch gegen die Nichtinformation des Bürgers, dem das tatsächliche Ausmaß seiner zunehmend verloren gehenden Anonymität vorenthalten wird. Der Wert des Buches liegt in der umfangreichen Zusammenstellung vieler Fakten und Informationen über staatliche Überwachungsversuche und -methoden sowie den möglichen Folgen eines daraus entstehenden Gesellschaftswandels. Längst betrifft die Neugierde geheimer Organe nicht mehr ausschließlich Telefonüberwachungen. Zumal auch die Wirtschaft in ihrer Sammelwut kaum Daten ungenutzt herumliegen lässt. Wer bisher unbedarft glaubte, dass Cookies via Web-Browser die Spitze der Ausspähung darstellen, wird hier eines Besseren belehrt.

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