Zeitung Heute : Büffeln mit der Maus

Beim E-Learning sind noch immer viele Hürden zu überwinden

Regina-C. Henkel

Als Matthias T. Meifert vor fünf Jahren für sein Fernstudium paukte, tat er das sozusagen unter Steinzeit-Bedingungen. Zu Hause im stillen Kämmerlein ackerte er sich durch die Lernbriefe, die ihm ein Mal pro Monat von der AFW Wirtschaftsakademie Bad Harzburg als kiloschweres Paket zugeschickt wurden. Jeweils einen Monat dauerte es auch, bis Meifert von seinem Gutachter ein Feedback bekam. „Heute“, sagt der Bereichsleiter Human Ressources Management bei Kienbaum Berlin, „ist es wesentlich leichter geworden, bei der Stange zu bleiben.“

Wohl wahr. Fernlernen bedeutet heute in den meisten Fällen E-Learning, also das Lernen mit elektronischer Unterstützung. Das macht nicht nur unabhängig von Raum und Zeit, sondern ermöglicht auch einen Austausch zwischen dem Lernenden und dem Lehrenden in Echtzeit – meinen zumindest die meisten Anbieter. Ihre Schwerpunkte sind Computer Based Training (CBT), Schulungsvideos und Intranet-Trainings. Aber auch mit Internet-Training, Business TV und Programmen für virtuelle Klassenzimmer wird Geld verdient. Eine Erhebung der Management- und IT-Beratung Cap Gemini Ernst & Young geht von einer Steigerung des Gesamtvolumens des E-Learning-Marktes von rund 120 Millionen Euro im Jahr 2000 auf 1,3 Milliarden Euro bis 2004 aus. Beim Institut für Innovationsforschung der Uni München meint man: Knapp ein Drittel der deutschen Unternehmen lasse die Mitarbeiter per Mausklick lernen.

Doch es gibt auch Studien, die den Markt anders einschätzen. Eine Erhebung der Beraterfirma KPMG Consulting ergab, dass nicht einmal jeder zehnte Beschäftigte computergestütztes Lernen am Arbeitsplatz nutzt. Ernüchternd ist ebenso das Ergebnis einer Umfrage von Mummert-Consulting: Vier von fünf Internetnutzern haben zwar Interesse am E-Learning, doch sie nehmen das Angebot nicht wahr.

Daniel F. Pinnow meint, die Ursache zu kennen: „E-Learning taugt wenig als Discount-Produkt.“ Die Kritik überrascht, denn Pinnow ist Geschäftsführer der Akademie für Führungskräfte der Wirtschaft in Bad Harzburg, die selbst im E-Learning-Business engagiert ist. Doch Pinnow zitiert lediglich die allgemeine Einschätzung. „Auch die Entscheidungsträger in den Unternehmen wissen längst, dass nicht alles Gold ist, was sich E-Learning nennt“, meint er. E-Learning müsse Teil einer Wissensmanagementstrategie sein, sonst bleibe es „Stückwerk und ein teures wie ineffizientes Einzelabenteuer.“

Was für ganze Unternehmen gilt, betrifft auch den einzelnen Lernwilligen. Immer mehr Erwerbstätige und solche, die es wieder werden wollen, verschaffen sich mit E-Learning in Eigenengagement einen Wettbewerbsvorteil auf dem Arbeitsmarkt. Ihr Hauptproblem: Die richtigen Angebote zu finden. Die Zentralstelle für Fernunterricht ( www.zfu.de ) , das Bundesinstitut für Berufsbildung ( www.bibb.de ) und sogar die Europäische Kommission, die gerade 36 Millionen Euro für ein „eLearning-Projekt“ bereit gestellt hat, engagieren sich redlich um mehr Überblick und auch für Qualitätsstandards. Die Weiterbildungsanbieter haben nämlich bis heute keine einheitlichen Abschlusszertifikate zustande gebracht.

Dabei werden derzeit vor allem Kurse angeboten, in denen Faktenwissen vermittelt werden soll. Seit der Pisa-Studie ist aber bekannt, dass in Ländern mit guten Positionen im OECD-Vergleichstest nicht nur E-Learning besonders weit verbreitet ist, sondern dass dort auch viel Wert auf die Vermittlung von Lernkompetenz gelegt wird. Genau das also, was der Kienbaum-Manager Matthias T. Meifert besaß, als er in den 90er Jahren sein Offline-Fernstudium absolvierte.

Wer Schwierigkeiten mit der Selbstdisziplin hat, kann beim E-Learning genauso leicht den Anschluss verpassen wie beim klassischen Frontalunterricht. Qualifizierte Betreuung bleibt unerlässlich. Das Weiterbildungsinstitut Pixelapostel hat diese Erkenntnis in ein Kursangebot umgesetzt. Ab Februar werden zwanzig „E-learning-Referenten“ ausgebildet. Nach einem Jahr sollen sie Lehrkräften und Schülern zeigen, „wie schnell und effizient mit multimedialer Unterstützung gelernt werden kann.“

Weitere Informationen im Internet:

www.seminar-shop.com ,

www.global-learning.de , www.academy4me.com , www.lehrer-online.de

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