Zeitung Heute : Bündner Oberland: Ohne Autos und Skilifts

Gerhard Fitzthum

Die Furka-Oberalp-Bahn bringt uns von Andermatt in die rätoromanische Surselva, in das Bündner Oberland. Dort wollen wir ein Experiment wagen - eine Winterbegehung der Senda Sursilvana, des "Stars der Höhenwege", wie ihn die Tourismuswerbung nennt. Doch fragt sich, ob wir nicht zum falschen Zeitpunkt gekommen sind: Draußen schneit es so heftig, dass man die Orientierung verliert. Der Unterschied von Nah und Fern geht im Flockenwirbel unter.

Wir erreichen den Oberalppass, wo die Senda eigentlich beginnt, um in mehr als hundert Kilometern nach Chur hinunter zu führen. Doch wir sind alles andere als Abenteurer, sondern Wanderer, statt Adrenalinkick und sportliche Herausforderung suchen wir den Genuss der Langsamkeit. So bleiben wir erst einmal im Zug sitzen, in Sedrun dürfte es noch kalt genug sein.

Zu unserer Verblüffung scheint dort die Sonne aus wolkenlosem Himmel, die verschneiten Hänge wirken wie illuminiert. Gelbe Wanderweg-Täfelchen leiten uns zu einer wunderschönen Bogenbrücke der Rhätischen Bahn und schon sind wir dort, wo wir hin wollten - in einer Winterlandschaft ohne Autos und Skilifts. Der gespurte Weg ist eineinhalb Meter breit und unter den Sohlen knirscht leise der Schnee.

Die Winterbegehung der Senda Sursilvana ist deshalb eine Herausforderung, weil die Route abgelegene Bergdörfchen miteinander verbindet, die nur über steile Stichsträßchen erreichbar sind. In vielen dieser Orte gibt es kaum Tourismus. Anders ist dies in Laax, Flims, Sedrun und Brigels. Zwar stehen hier die Ski- und Snowboardfahrer im Zentrum des Interesses, doch hat man in den letzten Jahren auch den Fußgänger im Schnee wiederentdeckt.

Auch in Sedrun gibt es seit neuestem eine Winterwanderkarte. Sie macht deutlich, dass wir vorerst keine Schwierigkeiten haben dürften, weil die Senda zwischen Sedrun und Disentis mit dem ausgewiesenen Winterwanderweg identisch ist. Bald treffen wir auf ein historisches Wegstück mit hohen Trockenmauern, die durchaus schon 500 Jahre alt sein können. Dann weitet sich das Tal und man kann den ganzen oberen Teil der Surselva einsehen. Disentis liegt mit seiner monumentalen Klosteranlage breit in der Talsohle. Daneben mäandert der junge Rhein abwärts. Überall sind kleine Dörfchen an die Hänge geklebt, zeigen spitze Kirchtürme gen Himmel - der Bauboom der Gegenreformation hat die Gegend zu einer Sakrallandschaft gemacht.

Nicht weit entfernt liegen die drei Verkehrsadern des Tals direkt übereinander: Hier oben der gespurte Säumerweg, unter uns die Gleise der Rhätischen Bahn, ganz unten die vom Schnee befreite Asphaltpiste für den Autoverkehr. Mit der Höhe nimmt das Alter der jeweiligen Trasse ab und das Tempo, mit dem man auf ihr unterwegs ist, zu. Man bemerkt, dass es Bewegungsgeschwindigkeiten gibt, die für das betrachtende Auge noch beruhigend wirken und entspannend wahrgenommen werden können - die der langsam durchs Tal zuckelnden Züge etwa. Was auf der Straße geschieht, gehört nicht mehr dazu. Im Moment hält sich der Autoverkehr aber in Grenzen. Den Oberalppass kann man im Winter nur mit der Bahn überqueren.

Unterhalb von Disentis gibt es die ersten Probleme: Würden wir der Senda treu bleiben, so müssten wir 200 Höhenmeter in einem schattigen Tobel aufsteigen, durch den seit dem ersten Schneefall kein Mensch mehr gegangen sein dürfte. Wir entscheiden uns deshalb für den landschaftlich ebenso attraktiven, aber lawinensicheren Talweg von Pardomat nach Falens.

In Sumvitg steigen wir wieder zur Senda auf. Das Kirchlein des Stararchitekten Peter Zumthor, das den Weiler Sogn Benedetg zum Wallfahrtsort für Architekturliebhaber aus dem In- und Ausland gemacht hat, entfaltet in dieser Jahreszeit seinen eigentlichen Reiz. Wie eine gestrandete Arche Noah ragt es jetzt aus dem tief verschneiten Sonnenhang. Es ersetzt die alte Barockkapelle, die 1984 von einer Lawine weggefegt worden war.

Schneeschuhe für den Notfall

In Sogn Benedetg beginnt der abgelegenste und aussichtsreichste Teil der Senda Sursilvana. Hoch über der schattigen Talsohle trifft man immer wieder auf kleine Bergdörfchen mit ursprünglichen Ortsbildern und schönen alten Holzhäusern. Für die Abgeschiedenheit des Wegverlaufs zahlt man im Winter allerdings seinen Preis: Immer wieder fehlen ein paar Kilometer zwischen den begangenen und befahrenen Wegabschnitten. Wenn es viel Schnee hat, sinkt man bei jedem Schritt bis zu den Knien ein, und man ist gut beraten, für den Notfall ein Paar Schneeschuhe im Rucksack zu haben. Wilde Passagen wie die von Trun nach Schlans sind im Winter sogar regelrecht gefährlich. Auch den Weg über Panix nach Siat ersparen wir uns. Wir steigen zum Bahnhof Waltensburg ab und fahren mit dem Zug nach Ilanz. Auch dies ist nicht ohne Reiz. Die Rhätische Bahn ist langsam genug, um einen intensiven Eindruck der Landschaft zu vermitteln.

In Ilanz endete in früheren Zeiten die Postlinie von Chur ins Oberland. Wir übernachten im ehemaligen Pferdestall des Kutschendienstes, der heute Dépendance eines schönen Traditionshotels ist. Erst 1925 verlor er seine ursprüngliche Bedeutung. Bis dahin hatte sich die Kantonsverwaltung den Segnungen des motorisierten Individualverkehrs gesperrt und Autos einfach verboten. Sie galten im Bauernkanton als nervtötende "Modespielzeuge", denen die Dorfjugend Steine nachwarf.

Auf der Senda zwischen Ladir nach Falera wird man heute von ganz anderen Modespielzeugen belästigt. Ab und an rast ein Snowboard-Freerider auf dem Winterwanderweg ins Skigebiet zurück. Nach einer solchen Begegnung dauert es eine ganze Zeit, bis man nicht immer wieder nervös über die Schulter nach hinten schaut. Wir sind im Einzugsgebiet der Laaxer "Alpen-Arena", was auch bei der Einkehr gemischte Gefühle erzeugt. Die Gasthausterrassen sind mit lautem Skivolk besetzt, als Rucksackträger kommt man sich unter all den bunten Gestalten wie ein Fossil aus den Kindertagen des Tourismus vor. Auch von der Bedienung wird man erst einmal skeptisch beäugt.

Wenn Toni Lampert recht hat, werden solche Berührungsängste jedoch bald der Vergangenheit angehören: "Auch in den Zentren des Ski- und Snowboardsports beginnen Wirte und Verkehrsamtsleiter zu begreifen, dass man heute nicht nur deshalb wandere, weil einem das Skifahren zu teuer ist", sagt der Geschäftsführer der Bündner Wanderwege (BAW) aus Flims. Gerade das Winterwandern erfahre einen ungeahnten Aufschwung und locke eine zahlungskräftige Klientel ins Gebirge. Toni Lampert muss es wissen. Er ist der Verfasser des einschlägigen Bündner Winterwanderbuchs.

Im Flimser Wald kümmert man sich schon seit hundert Jahren um den Spaziergänger im Schnee. Der Uaul Grond, der auf der Moränenmasse des Flimser Bergsturzes entstanden ist, bietet eine urtümliche Landschaft mit imponierenden Baumriesen, bizarren Kratergebilden und zugefrorenen Seen. Aufgrund der guten Wegepräparation muss man nicht ständig nur vor sich schauen und auf jeden Tritt achten, sondern kann sich treiben lassen, allein in Gedanken verloren, oder gemeinsam in Gespräche vertieft.

Nach Trin wird es wieder ungemütlich: Der Weg verläuft nun oftmals direkt neben der "Oberländer Straße", deren gelegentliche Überlastung bereits erste Ortsumgehungen nötig gemacht hat. Überlastet ist sie an schönen Sommerwochenenden, wenn sich die PS-Fraktion auf Pässefahrt begibt, vor allem aber an Sonntagnachmittagen im Winter. Dann fahren die Unterländer vom Skifahren nach Hause zurück, versuchen es zumindest: "Stop and go" heißt es nun von Laax bis hinunter nach Reichenau, 14 000 Fahrzeuge werden hier an Spitzentagen gezählt. Außerhalb solcher Stoßzeiten bleibt es im Oberland aber ruhig.

Vollends deutlich wird dem Wanderer die Idylle erst dort, wo er sie verlässt: In Reichenau fließen Vorder- und Hinterrhein zusammen und der Verkehr aus dem Tessin und dem Oberland vereinigt sich zur N 13, auf der jährlich zwei Millionen Autos zwischen Nord- und Südeuropa unterwegs sind. Unsere Wanderung verläuft nun im Schallkreis der Autobahn, die permanente Geräuschkulisse verdirbt den Spaß. Auch von der weißen Pracht sind hier unten nur noch klägliche Reste übrig. Wir geben auf und schaffen uns Erleichterung mit der Rhätischen Bahn, die uns nach Chur bringt.

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